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Zwischen Aufbruch und Tradition: Souad Abderrahim, Bürgermeisterin von Tunis


Stark und frei: Souad Abderrahim

Eine Frau als Bürgermeisterin einer arabischen Hauptstadt? Noch dazu unverschleiert?

Was auf den ersten Blick doch mehr als Traum westlicher Feministen scheint, ist in Tunesien möglich. Tunesien war schon immer ein liberaleres Land, das durch den arabischen Frühling nicht in den Bürgerkrieg fiel, sondern sich tatsächlich weiterentwickeln konnte.

Die 55jährige Souad Abderrahim wurde 1964 in der Mittelmeerstadt Sfax geboren und studierte Pharmazie. Bereits dort zeigte sich ihr politisches Engagement, als sie in der islamischen Studentenorganisation UGET aktiv wurde. Wegen des Konflikts zwischen Linken und Islamisten (auf deren Seiten sie stand) wurde sie sogar inhaftiert und der Universität verwiesen. 1992 konnte sie ihren Abschluss nachholen und sie begann für den Pharmagroßhändler Presta Pharm zu arbeiten. Dort errang sie schnell Verantwortung als Geschäftsführerin und Direktorin. Dabei konnte sie, die sich stets den Islamisten der Ennahda-Bewegung verschrieben hatte, auf die Unterstützung ihres Mannes zählen, der ihr im Haushalt und Berufsleben half. 2011, nach dem Ende der autokratischen Herrschaft, trat sich für die Ennahda in Tunis an und wurde in die Verfassungsgebende Versammlung gewählt. Bei den Kommunalwahlen 2018 gelang ihr im zweiten Wahlgang schließlich der Coup: Mit 26 zu 22 Stimmen konnte sie im Stadtrat von Tunis die Mehrheit gewinnen und wurde neue Bürgermeisterin der Stadt. Pikant dabei: Sie konnte den Kandidaten der Regierungspartei schlagen und wurde erste frei gewählte Bürgermeisterin – in der Vergangenheit wurden die Bürgermeister der Stadt immer vom Präsidenten bestimmt.

Abderrahim bezeichnet sich selbst als islamische Feministin. Sie vertritt die Ansicht, dass sich ein konservatives islamisches Familienbild, das sie selbst besitzt (so bezeichnete sie unverheiratete Mütter als Schande für die islamische Gesellschaft), nicht mit dem Bekenntnis zur Demokratie ausschließt. Als Bürgermeisterin der Stadt versprach sie auch, sich der gravierenden Probleme der Stadt anzunehmen – Nahverkehr, Abfall, Bildung und Verschönerung des Stadtbilds. Kein Wort von einer geistig-moralischen Wende oder ähnlichem, kein Wort von Islamisierung. Klingt ungewöhnlich, aber für Kenner der islamischen Ennahda-Bewegung nicht ungewöhnlich: Die Ennahda hat sich schon längst von einem Ableger der radikalen Muslimbrüder zu einer Art islamischer CDU gewandelt, die es aktuell ja sogar zu einer weiblichen Doppelspitze geschafft hat. Für die vielen Frauen in Tunesien und der arabischen Welt insgesamt ist Abderrahim sicherlich ein Ansporn und leuchtendes Vorbild.