• Redaktion

Zwei Geschichten über die Insel des Glücks

Sokotra, eine jemenitische Inselgruppe, lässt sich in zwei Geschichten erzählen - eine traurige über Fremdherrschaft und Krieg, und eine hoffnungsvolle über Natur und ihre Beschützer.

Die Sicht der Menschen lautet: Sokotra ist eine umstrittene, umkämpfte Inselgruppe im Indischen Ozean.



Am Ostausgang des Golfs von Aden gelegen, ist Sokotra seit der Altsteinzeit bewohnt. In der Antike bekam sie den griechischen Namen Dioskouridou, der Name Sokotra entstammt wohl jedoch dem Sanskrit

"dvipa sukhadhara" und bedeutet Insel des Glücks. Bereits 52 n. Chr. wurden die Bewohner zum Christentum bekehrt und noch im 10. Jahrhundert gab der arabische Geograph Al-Hamdani an, dass die Mehrzahl der Bewohner Christen seien.

Auch Marco Polo besuchte die Insel, fand Christen vor und berichtete darüber in Il Millione. 1507 bauten portugiesische Seefahrer eine Bastion auf der Insel, verließen die Insel nur vier Jahre später wieder. In der Folge fiel die Insel unter die Kontrolle des Sultanats Mahra und wurde vollständig islamisiert.

1834 kamen die Briten, um sich den Zugang zum Roten Meer zu sichern, und gingen erst 1967. Die Inseln wurden nun von dem kommunistischen Südjemen kontrolliert, bis 1980 die "verbündeten" Sowjets landeten und zwei Bomber-Staffeln stationierten.

1990 vereinigten sich der Norden und der Süden und die Insel wurde "gesamt-jemenitisch". Bis 2018, als im Rahmen des Kriegs im Jemen Truppen der Vereinigten Arabischen Emirate die Inseln übernahmen.

So weit, so traurig und so außer in Fachkreisen unbekannt.


Bei Biologen liegt die Insel jedoch in der Bekanntheit sehr weit oben. 2008 wurde sie erstes Weltnaturerbe in der arabischen Region. Und das nicht ohne Grund: Die Inselgruppe wird auch "Galapagos des Indischen Ozeans" genannt. Aufgrund der geographischen Isolation konnten sich zahlreiche endemische (also nur dort vorkommende) Arten entwickeln. Man schätzt, dass mehr als ein Drittel der 800 Pflanzenarten auf der Inselgruppe

nur dort heimisch sind.



Damit liegt Sokotra mit der Zahl endemischer Pflanzenarten pro Quadratkilometer hinter den Seychellen, Neukaledonien und Hawaii auf Platz vier. Besonders bekannt ist Sokotra für seine Vögel und den Drachenbaum, der auch die 20 Rial Münze des Jemens schmückt.

Der Drachenbaum oder auch Drachenblutbaum ist ein immergrüner Baum mit Höhe von bis zu 10 Meter. Die Laubblätter sind für europäische Verhältnisse ungewöhnlich lang (bis zu 60 cm).

Der Baum ist bekannt für das Drachenblut, das Harz des Baums. Aus ihm lässt sich ein Pulver herstellen, dass als pflanzliches Heilmittel gegen Schmerzen und Bakterien helfen soll, zudem blutstillend und geschwürhemmend.



Auch viele weitere Pflanzenarten werden von der lokalen Bevölkerung als Medizin genutzt und erregen nicht nur das Interesse von Biologen, sondern auch von Pharmazeuten.

Beschützt wird die Natur bislang noch von der heimischen Bevölkerung, die in ihrer Ursprünglichkeit den Wert ihres Lebensraums schätzt und schützt. Die Bewohner der Inseln haben ein einzigartiges System an friedlicher Konfliktbeilegung geschaffen, um ihren Lebensraum zu sichern. Seit je her werden Streitigkeiten friedlich geregelt, in dem sich die Bewohner immer wieder treffen und zu Aussprachen zusammensetzen.

Denn ihnen ist klar, dass die raue Natur der Wüsten-Inseln und damit ihr Schicksal selbst nur durch das friedliche Zusammenleben der Bewohner weiterbestehen kann.