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Rap als Protestform für junge Iraker

Von Sinan Salaheddin Mahmoud, Bagdad, Irak


Es war kurz vor Mitternacht als vier junge Männer vor dem Barber Shop im schiitisch dominierten Viertel Al-Shaab im Norden Bagdads auftauchten. Sie wollten nicht ihre Haare geschnitten haben, sondern hatten stattdessen eine Warnung für den Besitzer des Barber Shops, der kurz zuvor im Rahmen der Anti-Regierungs-Proteste einen Rap Song gegen schiitische Parteien und das religiöse Establishment veröffentlicht hatte.


Das Camp der Demonstranten - nicht nur ein Hort des Widerstands, sondern auch ein Ort der Gegenkultur. Bild: Sinan Salaheddin Mahmoud

“Dieses Mal kamen wir, um zu reden”, zitiert der Eigentümer Ahmed Bassim einen der Männer, der ihn am 7. Oktober angegangen hatte. “Nächstes Mal werden wir nicht reden, sondern dich erschießen”, so der Mann weiter, bevor er den Laden verließ. Bassim stand sprachlos in seinem Laden, aber er oder seine Gruppe gaben nicht auf. Sie veröffentlichten zwei weitere Songs in den nachfolgenden Wochen, als sich die Proteste verschärften.


In den andauernden Anti-Regime-Protesten, Rapper bieten der Jugend eine Möglichkeit, ihr Wut gegen die politische Elite, Sicherheitskräfte und schiitische Milizen zu äußern – diese antworteten mit harter Hand. Die Proteste begannen am 1. Oktober in Süden und Zentrum des Irak mit Forderungen nach ökonomischen und politischen Reformen.

Die Band "Armando" bei Dreharbeiten am Tahrir Platz. Bild: Sinan Salaheddin Mahmoud

Die Proteste wurden schnell weniger als die Sicherheitskräfte hart gegen die Proteste vorgingen. Sie hinterließen über 100 Tote und Hunderte Verletzte. Die Demonstrationen flammten am 25. Oktober wieder auf, als viele junge Iraker in zahlreichen Städten auf die Straßen gingen und wichtige Straßen und Plätze besetzten. “Wir haben es leid”, sagt der 29-jährige Bassim, der 2011 mit Rappen als Hobby begann. “Wenn sie einen oder zwei von uns töten, werden die übrigen motiviert, weiterzumachen, bis sich die Situation verändert hat”, ergänzt er. In einem der Songs von Bassims Gruppe Armando, wird die Situation mit der Situation vor und nach der US-Invasion verglichen, die Saddams Regime stürzte.


Die Band "Armando" bei Dreharbeiten am Tahrir Platz. Bild: Sinan Salaheddin Mahmoud

“Wir haben keinen Wechsel gesehen, es wurde nur der eine Unterdrücker durch einen anderen ersetzt”, rappt er in seinem Lied “25 Oktober”. “Der einzige Unterschied ist, dass man (unter Saddam) heimlich getötet wurde, jetzt wirst du im grellen Tageslicht getötet”, ergänzt Bassim. Er sagt weiter: “Früher wurde man von (Saddams) Parteileuten in deren Parteihauptquartier gefoltert, heute wird man auf offener Straße vor den Augen der Menschen beleidigt, geschlagen und zusammengeschlagen.”


Seit dem ersten Oktober wurden insgesamt mehr als 600 Menschen getötet, mehr als 20.000 andere verletzt, wie die Unabhängige Menschenrechtskommission sagt. Im Zeitraum vom 25. bis 27. Oktober wurden zwölf Demonstranten getötet und 230 weitere verletzt, darunter auch Angehörige der Sicherheitskräfte, wie die Kommission sagt. Die Kommission und andere internationale Menschenrechtsgruppen beschuldigen die irakische Regierung, exzessive Gewalt gegen die Demonstranten anzuwenden. Die Regierung entgegnet, dass sie nur gegen “Saboteure” vorgeht, die Sicherheitskräfte verletzten und öffentliches wie privates Eigentum beschädigen. Bedrohungen, Geiselnahmen und Morde an den Aktivisten haben viele Demonstranten zum Verlassen des Bagdader Tahrir Platzes im Herz der Stadt bewogen.


Impressionen von den Dreharbeiten am Tahrir Platz. Bild: Sinan Salaheddin Mahmoud

Auch in anderen Städten verließen viele Demonstranten die Reihen der Protestler. In einem Youtube-Video rappt eine junge Frau in einer olivgrünen Jacke und schwarzen Kufiya in einer Gruppe junger Männer auf dem Tahrir Platz. In ihrem Lied “Wo bist du” klagt sie die Menschen an, die sich von den Demonstranten abgesetzt haben. “Du bist nicht hier. Entspannt? Amüsiert? Versteckt?”, singt die junge Frau. “Was ist mit uns? Müdigkeit, Repression, Tränengas, Pfeffersprays, Schießereien. Ein Foto, ein Video, ein Märtyrer waren genug, um mich hier raus zu bringen”, singt sie weiter. “Eine Revolution gegen alles was seit 2003 und vielleicht zuvor errichtet wurde. Sei Teil davon, nicht dagegen. Wir sind hier!”, schließt sie.