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Irak: Führungsrolle für Kleriker?

Aktualisiert: 17. Dez 2019

Eine Analyse von Sinan Salaheddin Mahmoud Bagdad, Irak: Seit Ausbruch der auch weiterhin anhaltenden Proteste gegen die Regierung am 1. Oktober stärken zwei einflussreiche schiitische Kleriker den Demonstranten und deren Forderungen den Rücken.


Allerdings wird die Unterstützung durch Groß-Ayatollah Ali Al-Sistani und Muqtada Al-Sadr nur zurückhaltend aufgenommen. Und wird gerade von der Jugend, welche das Rückgrat der führerlosen Proteste ausmacht und eine sekuläre Regierung anstrebt, mit Skepsis beäugt.


“Es besteht aktuell keinerlei Vertrauen in irgendeine politische oder klerikale Führungsperson”

sagt ein Demonstrant, der aus Sicherheitsgründen um seine Anonymität gebeten hat. “Wir haben Genug von ihnen! Die letzten sechszehn Jahre über haben sie versagt und bewiesen, dass sie unzuverlässig sind”, fügt er hinzu.

Die beispiellosen Proteste halten die von Schiiten dominierten Städte im zentralen und südlichen Irak fest im Griff und fordern die Entfernung jener politischen Elite, die seit dem Sturz Saddam Husseins durch eine internationale Koalition unter Führung der USA im Jahre 2003 die Kontrolle über den Irak ausübt.

Der Sturz des säkulären Regimes unter Saddam Hussein beförderte auch die religiösen Strukturen – sowohl sunnitischer als auch schiitischer Natur – und katapultierte sie direkt in das Herz der Politik. Manche Kleriker bildeten und führten Milizen, die US-Streitkräfte bekämpften und für religiös motivierte Morde verantwortlich gemacht werden.

Aus einem bescheidenen Häuschen einer Gasse der verehrten Stadt Najaf heraus kann der 89-jährige im Iran geborene Al-Sistani beachtlichen Einfluss auf die Politik des Iraks ausüben. Der bedeutendste religiöse Führer der Mehrheit der Schiiten im Irak und darüber hinaus wird nahezu niemals in der Öffentlichkeit gesehen und verbreitet seine Botschaften normalerweise durch seine Repräsentanten während der Freitagspredigten. Er ist der älteste der vier Groß-Ayatollahs in Najaf, dem Sitz dessen, was im Arabischen als “Marjaya” bekannt ist, der schiitischen religiösen Führung.

Er widerspricht der Form der schiitischen Theokratie des Iran, wo der oberste Religionsgelehrte das letzte Wort in allen Belangen hat und behauptet von sich selbst, dass seine Rolle lediglich darin bestünde, “Ratschläge und Orientierung” zu geben. Doch fand er sich bei vielen Entwicklungen inmitten der Politik wieder. Im Jahre 2003 konnte er die Amerikaner dazu bewegen, Befugnisse an eine irakische Übergangsregierung zu übertragen und die neue Verfassung durch vom irakischen Volk gewählte Vertreter schreiben zu lassen.

Und wann immer die Politiker dabei scheitern, einen neuen Premierminister für eine Regierung zu ernennen, tritt er hervor und empfiehlt einen oder stellt sogar jemanden auf. Als die Regierungstruppen Mitte 2014 im Angesicht der Extremisten des “Islamischen Staates”, die weite Teile im Norden und Westen Iraks überrannt haben, kollabierten, sprach Al-Sistani eine Fatwa – eine religiöse Verfügung – aus, auf Grundage derer sich Freiwillige dem Dschihad, dem heiligen Krieg, anschließen sollten.

Als dieses Mal nun die Demonstranten auf die Straßen gegangen sind, ermahnte er die Regierung, schnell zu handeln und Reformen auf den Weg zu bringen. Die Reformen, an die er anfänglich dachte, bestanden hauptsächlich aus dem Erlass eines neuen Wahlgesetzes und der Einrichtung einer unabhängigen Wahlkommission und ebenfalls aus dem Kampf gegen die grassierende Korruption.

Vergangenen Monat jedoch veröffentlichte er eine kampfstarke Stellungnahme im Zusammenhang mit dem Tode dutzender Demonstranten durch die Hände von Sicherheitskräften innerhalb nur eines Tages, in welcher er das Parlament dazu aufgerufen hat, “seine Optionen zu überdenken”. Nur ein paar Stunden später reichte der Premierminister seinen Rücktritt ein.

Im Gegensatz zu Al-Sistani hat Al-Sadr eine andere Herangehensweise im Irak nach Saddam gewählt. Als junger Kleriker nutze er das Ansehen seines Vaters, der zusammen mit zwei seiner Söhne 1999 durch Saddam hingerichtet worden ist, um Millionen Anhänger, besonders aus verarmten Regionen, um sich zu scharren.

2004 bildete er die “Armee des Mahdi”, eine Miliz, die gegen die Amerikaner kämpfte. Eben diese Miliz wurde beschuldigt, im Zeitraum von 2006 bis 2007 für religiös motivierte Übergriffe auf Sunniten verantwortlich zu sein.

Al-Sadr legte die Bewegung 2008 auf Eis – und reaktivierte sie 2014 im Kampf gegen den IS unter neuem Namen: Friedensbrigaden.

Al-Sadr unterstützt den stärksten parlamentarischen Block und hat seit Beginn der Unruhen den Rücktritt der Regierung und vorgezogene Neuwahlen gefordert. Jüngst hat er manche der unbewaffneten Mitglieder seiner Miliz dazu eingesetzt, die Lager der Demonstranten zu beschützen.

Phillip Smyth vom Washington Institute for Near East Policy vermutet verschiedene Beweggründe hinter der Unterstützung der beiden Männer für die Protestbewegung. Al-Sistani suche nicht nach einem Sitz im Parlament, sondern sei “stattdessen daran interessiert, die Einrichtung, Präsenz und den Einfluss seines Lagers, der Najaf Marjaya, als einflussreiche religiöse Führung im Land zu erhalten”.

Smyth fügt hinzu, dass Al-Sadr “offensichtlich versucht, die Proteste zu nutzen, sein propagiertes Selbstbild als populistischer, konfessionsübergreifender, irakischer Nationalist aufzupolieren. Als Führer, der nicht wie das andere irakische Führungspersonal mit Filz und Korruption belastet ist.

“Wenn überhaupt, dann möchte Sadr das politische Gesicht der Revolution sein.”

Es sieht so aus, als arbeiten beide Männer auf das selbe Ziel hin, ist Smyth überzeugt. "Für beide Führungspersonen sind die Probleme mit dem Iran sehr präsent und sie erachten dies als den geeigneten Zeitpunkt und sich selbst in der Lage, den starken iranischen Einfluss auf ihr Land einzudämmen.”

Der Demonstrant hegt Bedenken bezüglich des Eingreifens der beiden Männer in die Protestbewegung und glaubt, dass deren Einfluss limitiert sein solle und beide die politische Bühne verlassen sollen, sobald die Forderungen der Protestbewegung erfüllt seien.

Er fügt hinzu, dass beide im Momemt benötigt würden, die Milizen aufzulösen, deren Waffenlager an die Regierung zu überstellen, die Verfassung von Experten und nicht Politikern überarbeiten zu lassen, das Parlament aufzulösen und eine Übergangsregierung zu bilden, die vorgezogene Neuwahlen vorzubereiten habe.