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Orient und Okzident - eine literarische Affäre

Wer sich selbst und andere kennt,

Wird auch hier erkennen:

Orient und Okzident

Sind nicht mehr zu trennen.“


Dieser Satz Goethes ist in modernen Zeiten aktueller denn je. Spätestens seit den großen Globalisierungswellen im 20. und 21. Jahrhundert verlaufen die Trennlinien zwischen dem Abend- und dem Morgenland fließend. Umso erstaunlicher erscheint es, dass der bekannteste Deutsche Schriftsteller bereits Mitte des 19 Jahrhunderts eine Verbindung in die Länder der sol oriens gesucht hat. Gefunden hat Goethe sie schließlich in der persischen Lyrik. In den Werken des Dichters und Schriftstellers Mohammed Shemseddin.

Shemseddin, besser bekannt als Hafez oder auch Hafis, verfasste bereits um 1300 seine literarischen Schriften und gilt auch heute noch als einer der bekanntesten persischen Dichter und Mystiker. Neben dem Koran gehört der Diwan von Hafis zur Grundausstattung in jedem persischen Haushalt.Die Faszination, die Hafis Verse und im Besonderen die typischen Ghaselen aus dem Diwan auf den Leser ausübt, veranlasste wohl damals auch Goethe sich intensiv mit dem persischsprachigen Mystiker zu beschäftigen. In seinem West-östlichen Divan, eine seiner umfangreichsten Sammlungen von Gedichten, setzt sich Goethe unter anderem mit Hafis, dem Islam und der östlichen Lyrik auseinander. Eine literarische Verschmelzung von Orient und Okzident war somit unaufhaltsam:

Und mag die ganze Welt versinken!

Hafis, mit dir, mit dir allein

Will ich wetteifern! Lust und Pein

Sei uns, den Zwillingen, gemein!

Wie du zu lieben und zu trinken,

Das soll mein Stolz, mein Leben sein.“

Hafis-Goethe-Denkmal: Verbindung von Abend- und Morgenland in Weimar


Den beiden berühmtesten persischen und deutschen Lyrikern zollte man von offizieller Seite Anfang der 2000 Tribut. Das Hafis-Goethe-Denkmal in Weimar steht stellvertretend für die besondere Verbindung, die im 19. Jahrhundert in Goethes Divan ihren Ursprung fand. Sogar der Iranische Präsident Khatami reiste damals zur Einweihung des Denkmals in die Goethestadt. Und so erinnern noch heute zwei steinerne Stühle in östlicher Ausrichtung und eine zweisprachige Verstafel an die besondere poetische Affäre zwischen Orient und Okzident.