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Marginalisierte Opfer der Sanktionen: Afghanen im Iran

Aktualisiert: Juni 22

Von Tooba Moshiri, Iran (TM) Derzeit beobachtet der Iran jeder Monat die Abreise von Hunderten illegalen afghanischen Migranten im Iran. Sie verlassen das Land wegen des scharfen Verfalls der Währung und den US-Sanktionen. Arbeiter werden gedemütigt, aber waren in der Vergangenheit eine Trumpfkarte für Bauarbeiten und Landwirtschaft.


Marginalisierte Minderheit im Iran: Afghanen. Bild: TM

Sie sitzen in einer Reihe. Einige haben die Augen geschlossen, viele eine Hand auf ihrem Bauch. Diese Flüchtlinge kommen jede Woche für ein paar Stunden in einer Yoja-Klasse in einem Gebäude am Vali-e-Asr-Platz zusammen. Ihr Lehrer, Adel, ist auch Afghane. Sein Persisch ist einwandfrei und verrät, dass er schon lange von seinem Heimatland weggegangen ist. Nach der Stunde begrüßt er einige seiner Schüler und spricht über seine afghanischen Mitbürger: “Für jeden Aghanen im Iran gibt es einen Grund. Wir sind vor Bomben geflohen. Wir haben unser Land verlassen, weil wir unsere Familien nicht versorgen können. Also kamen wir hierher, um zu arbeiten. Wir sehen uns Rassismus ausgesetzt und unsere Rechte, wie etwa Schulbildung an privaten oder öffentlichen Schulen, werden uns verweigert.”


Der 45 Jahre alte Adel freut sich aber, dass er in Kontakt mit seinen Landsleuten ist.Die US-Sanktionen im Iran und der scharfe Fall des iranischen Rial haben die Lebensumstände der Afghanen im Iran stark beeinflusst. Die Währung des Landes hat rund 98 Prozent seines Wert gegenüber dem US-Dollar verloren. Ende Mai stieg der Wechselkurs des Dollars gegenüber des Toman von 4000 Toman auf 18.000 Toman für einen Dollar.


Obwohl die Inflation und die steigenden Lebenshaltungskosten eine direkte Gefahr für die afghanischen Arbeiter im Iran sind, sind eher die fallenden Löhne und der Wert des Toman der Grund für die Afghanen, in ihr Heimatland zurückzukehren.Diejenigen, die Ersparnisse haben, versuchen den teuren und gefährlichen Weg nach Europa. Die ohne Ersparnisse kehren nach Afghanistan zurück, wo die Löhne in Bau und Landwirtschaft inzwischen manchmal höher als im Iran sind.


Die Bauindustrie ist von Afghanen abhängig. Bild: TM

Quader ist 30 Jahre alt und ein Maler. Er ist einer der Afghanen, die nach Beginn der Pandemie versuchen, in die Türkei mit Schleusern zu gelangen und dann den Weg nach Schweden zu nehmen, wo seine Tante und Cousins wohnen, die seit einigen Jahren als Flüchtlinge im Land leben. Er sieht das Leben im Iran als Vorstufe, von wo aus man die Weiterreise ins Exil plant. Er sieht Iran nicht als Endstation und glaubt, dass das Leben in anderen Ländern besser als im Iran sein kann:“Wenn ich meinen Lohn im Iran erhielt, konnte ich ihn in andere Währungen tauschen und meiner Familie schicken und alles war gut. Aber jetzt kann ich kaum meinen eigenen Lebensunterhalt bezahlen. Dazu kommen noch die Gesetze im Land, die auch die Iraner selbst unterdrücken. Alleine meine Nationalität als Afghane führt dazu, dass ich weniger Rechte habe. In einem Land außerhalb des Mittleren Ostens zu leben, ist definitv besser für mich. Und ich habe mein Heimatland verlassen, um morgen an einem besseren Ort zu leben.”


Oveys Amiri ist nach Kabul nach Jahren im Iran zurückgekehrt. Am Ende seines sechsten Jahres im Iran wurde sein Lohn von 300 Euro auf 70 Euro gekürzt. Er erzählt am Telefon: “Natürlich ist der Haupgrund für meine Rückkehr die ökonomische Situation im Iran. Zuvor konnte ich Geld an meine Familie schicken, aber das ist jetzt nicht mehr möglich. Alles ist teurer geworden. Und noch dazu ist mein Lohn nicht erhöht worden und die Lebenshaltungskosten sind verrückt. Warum soll ich also in einem Land bleiben, wo sich die Lage ständig verschlechtert und ich nicht absehen kann, wie sich die ökonomische Lage entwickelt? Für uns ist der Verfall der Währung ein enttäuschender Faktor, der uns zwingt, nach Afghanisten zurückzukehren.” Für die Afghanen, die im Iran leben und kein Geld mehr in die Heimat schicken können, ist der Währungsverfall ein echtes Problem und durch die Inflation haben sie kaum noch Ersparnisse, also schicken sie weniger Geld nach Afghanistan.


Viele Afghanen sind von der Krise stark betroffen. Bild: TM

Öl, das schwarze Gold des Iran, bringt rund 70 bis 80 Prozent der Einkünfte des Landes und die Hälfte seines Staatshaushaltes. Die Wirtschaft des Iran ist stark von den Öleinnahmen abhängig, die viele anderen Bereiche und die Infrastruktur des Landes finanziell stützen. Nach dem 6. November 2018 wurde der Verkauf von Erdöl an andere Staaten sanktioniert und hat das Land in große wirtschaftliche Schwierigkeiten gestürzt, was auch die afghanischen Migranten im Iran getroffen hat.In den Städten sind viele staatliche Baustellen von den Kürzungen im Haushalt betroffen.


Aziz, ein 24 Jahre alter Afghane aus der Daikundi Provinz, arbeitet auf einer Baustelle in der Hauptstadt Teheran. Sein jüngerer Bruder ist nach Afghanistan zurückgekehrt, nachdem er nicht mehr genügend Geld verdient hat, um die Familie ernähren zu können: “Vorher bekamen wir rund 300 Euro Lohn pro Monat, wenn wir einen guten Arbeitgeber gefunden hatten. Wir mussten wirklich sehr hart für das Geld arbeiten und waren für Arbeitsunfälle nicht versichert. Aber nun hat mein Arbeitgeber den Lohn für die letzten sechs Monate auf 133 Euro gesenkt. So fehlt viel Geld, was wir unseren Familien schicken könnten.”


Wie sein Bruder denkt auch Aziz darüber nach, nach Afghanisten zurückzukehren und das ist etwas, dass er vor einiger Zeit noch nicht dachte: “Viele von uns wurden im Iran geboren und wollen nicht in ihr Heimatland zurückkehren, aber ich habe in Afghanisten gelebt und will dort keine Zeit verlieren. Ich denke, dass viele Dinge besser dort wären, aber es entwickelt sich nicht in eine gute Richtung. Darum denke ich darüber nach, nach Afghanistan zurückzugehen.”In der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Situation werden die Afghanen als Konkurrent im iranischen Arbeitsmarkt gesehen, schlimmstenfalls sogar als Besetzer von iranischen Arbeitsstellen.


Die afghanischen Arbeiter sind jedoch ein Trumph für kleine und mittlere Unternehmen im Iran. Afghanen arbeiten härter und billiger als iranische Arbeiter. In Teheran und vielen anderen Städten im Iran sind die Bauarbeiter meistens Afghanen. Sie verlangen keine großen Lohnerhöhungen und im Vergleich zu iranischen Arbeitern verlangt das Gesetz nicht, dass sie versichert werden, was ein weiterer ökonomischer Faktor für die Kapitalisten ist. Viele Afghanen sparen daher Geld, um sich auf die Reise nach Europa über die irakisch-türkische Grenzregion im Nordwesten des Iran zu machen.