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Iranische Wehrdienstleistende an der Corona-Front

Aktualisiert: Mai 13

Von Tooba Moshiri (TM), Teheran

Im Iran wird man nach den nationalen Gesetzen mit 18 Jahren volljährig und muss einen Wehrdienst ableisten. Nach einer Meldung beim nächstegelegenen Armeewehramt wird man einer Streitkraft zugeteilt – es sei denn man führt seine Ausbildung weiter, geht an eine Universität oder wird ausgemustert. Kann man keine Befreiung vom Wehrdienst erlangen, steht ein 21-monatiger Wehrdienst bevor, der als Strafe um einige Monate verlängert werden kann, was jedoch nur in einer Handvoll Fällen geschieht. Die Wehrverwaltung teilt den Rekruten einer der drei Streitkräftearten zu.


Wichtiger Partner im Kampf gegen Corona: Iranische Militärs

Ohne einen absolvierten Wehrdienst können sich Iraner nicht für Jobs in öffentlichen Stellen bewerben oder einen Pass erhalten. Die Rekruten erhalten vier Tage vor Dienstantritt einen Brief, in dem der Standort und die Streitkraft zugeteilt wird, dies kann die reguläre Armee, die Polizei oder die Revolutionsgarden sein.Der Wehrdienst ist für jeden der Rekruten beschwerlich und hält jede Menge an Härten vor. Wache schieben in der Wüste oder eiskalten Bergregionen, weit weg von Städten und nahe der Grenze, Chauffeurdienste für hochrangige Offiziere oder Instandhaltung des Kasernen-Stadions sind nur einige der Dienste, die den jungen Rekruten willkürlich zugeteilt werden. Ein Verwandter im Transportbereich ist da genau richtig, um sich etwas Freiraum zu schaffen und Familienbesuche zu ermöglichen. Zeitverschwendung und die Ferne von der Arbeit sind nicht die einzigen Probleme für die Rekruten. Depressionen, Selbstmorde und Suchtkrankheiten sind weit verbreitet, genaue Statistiken gibt es aber nicht. Der Newsletter der Iranischen Studentenschaft meldet jeden Monat etwa fünf Selbstmorde in den Kasernen.


Corporal Navid Ezzati, ein 21 Jahre alter Soldat leistet seinen Dienst in Ost-Aserbaidschan ab und erzählt von den Traumata seiner Kameraden und den Härten des Soldaten-Alltags: “Wehrdienst ist wie aus einem Raum mit angenehmer Temperatur in eine Eiseswüste geworfen zu werden. Viele denken, der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist der freie Wille. Im Wehrdienst musst du den Befehlen der Offiziere ohne jede Frage befolgen, ohne zu hinterfragen, wer diese Person ist und warum genau du das tun musst. Jede Wahlmöglichkeit wird genommen und du bist ein Sklave. Die Spannung ist hoch und bei kleinstem Anlass geschehen Tragödien. Letzte Woche hat sich ein Wehrdienstleistender in der Kaserne in Jolfa mit einer AK-47 das Leben genommen, nachdem er erfahren hat, dass seine Schwester, die ihn besuchen wollte, einen Unfall hatte. In vielen Fällen braucht man selbst für eine Stunde Ausgang jede Menge Papierkrieg und hat doch meistens kein Glück.”


Wehrdienstleistende sind an vorderster Front im Kampf gegen Corona

Über die Jahre hinweg hat die Islamische Republik die Wehrdienstleistenden als billige Arbeitskräfte missbraucht, da der Sold für den Dienst nur rund 15 US-Dollar beträgt. Die Soldaten werden als kostenlose Hilfskräfte in Krisenzeiten genutzt und jeder weiß das.


Corporal Ezzati erinnert sich an seinen Einsatz in der Flutkatastrophe in der Region Pole Dokhtar, bei der eine Brücke zerstört wurde und der Zugang zur Stadt abgeschnitten wurde. Die Stadt selbst lag unter einer ein Meter dicken Schicht Matsch und Schlamm:

“Ich war Im zweiten Jahr meines Dienstes als die Flut die Region Pole Dokhtar verwüstete. Gemeinsam mit 400 anderen Kameraden wurden wir in die Region nach vielen Schwierigkeiten geschickt. Es war Nacht als wir ankamen und unsere Zelte aufbauten. Bevor wir die Lichter ausmachten, blickten wir um uns herum und sahen eine apokalyptische Szenerie. Einige weinten und schrien. Das Geräusch des Wassers, das durch die Stadt rauschte, war fürchterlich. Hubschrauber waren die gaze Zeit am Himmel zu sehen und Soldaten rannten überall herum. In der Früh bekam jeder eine Schaufel und wir sollten die Straßen und Häuser aufräumen und den Schlamm wegschippen. Wir blieben für 15 Tage dort und arbeiten kostenlos. Nachdem wir fertig waren, sah die Stadt wieder normal aus. Die Armee konnte keine großen Größen bei den Stiefeln bereitstellen, sodass einige Soldaten mit unpassenden Stiefeln arbeiten mussten und jede Menge Blasen bekamen. Die Armee bekam das ganze Lob, während die Arbeit von Soldaten und der Bevölkerung geleistet wurde.”


MIlitär kontrolliert Zugänge und unterstützt Krankenhäuser

Mit dem Ausbruch des Corona-Virus im Iran wurden die Soldaten wieder eingesetzt. Die Kasernen mit viel Besuch von außen wurden geschlossen, um die Gesundheit der Soldaten zu schützen, was aber nicht gelang. Soldaten wurden für die Verkehrskontrolle, als Wachen for Krankenhäusern und für die Desinfektionsmaßnahmen in vielen Städten hergenommen. Mojtaba Hamidi, ein Soldat der Revolutionsgarden in Urmia musste in 8-Stunden-Schichten die Temperatur von Besuchern vor einem Krankenhaus messen. Er sagt:“Natürlich war ich zu Beginn der Infektionswelle und angesichts der vielen Toten sehr in Angst, als ich die Temperatur messen musste. Meine Mutter hat mich ständig an die Hygienemaßnahmen erinnert. Jeder bekam ein paar Handschuhe und eine Maske am Tag. Wir mussten die Temperatur von Besuchern messen und Autos desinfizieren, die nach Urmia kamen. Wir wurden in zwei Gruppen eingeteilt, die 24 Stunden abdecken mussten.”


Viele der Rekruten, die der Polizei zugeteilt werden, stehen vor besonderen Gefahren. Sie sterben in Kämpfen mit Terroristen und kriminellen Organisationen in den Grenzstädten. Die meisten Toten gibt es in den Provinzen Kurdistan und Belutschistan. Diese Rekruten werden oftmals auch als Spezialpolizei zur Niederschlagung von Protesten eingesetzt.


Ayatollah Khamenei, der Oberste Revolutionsführer des Iran, sagte einmal:“Wehrdienst ist ein heiliger Dienst. Er hat Priorität für die Nation und das Land – sei es im Krieg oder Frieden. Familien und die jungen Menschen müssen verstehen, dass der Dienst wichtig ist und mit großer Begeisterung geleistet werden muss. Die Wehrdienstleistenden sind das Rückgrat der Armee, die den Frieden sichert, die soziale Ordnung gewährleistet und müssen jederzeit einsatzbereit sein.”

Auch wenn der Wehrdienst verpflichtend ist, versuchen viele, sihc diesem Dienst zu entziehen oder zu verkürzen. Die Soldaten verbringen fast zwei Jahre ihres Lebens im Dienst für das Land und die Landsleute und viele Probleme werden durch ihren Einsatz gelöst, aber am Ende werden alle Erfolge der Armee, der Polizei oder den Revolutionsgarden zugeschrieben, nicht den Wehrdienstleistenden.