• Redaktion

Iran: Corona-Virus trifft eine verunsicherte Bevölkerung

Von Tooba Moshiri, Teheran

Telefone melden sich jede Stunde mit Textnachrichten vom Gesundheitsministerium, wie man sich vor dem Virus schützen kann. Schulen und Universitäten überall im Land sind geschlossen und die Bevölkerung hat Angst um ihre Gesundheit. Studentenwohnheime sind geschlossen und die Studenten selbst machen sich auf den Weg nach Hause. Straßen sind verwaist und viele Geschäften wurden geschlossen. Fußgänger tragen Masken und Plastikhandschuhe und vermeiden jeden Körperkontakt. Viele Drogerien und Apotheken haben ein Schild an der Tür, das besagt, dass keine Masken, Alkohol oder andere desinfizierende Subtanzen vorhanden sind – aber noch kann man diese Produkte auf dem Schwarzmarkt überteuert kaufen.


Die Bevölkerung versucht sich zu schützen

Sieben Tage nach der ersten offiziellen Bestätigung eines Corona-Ausbruches im Iran am 19. Februar, sind nach Regierungsangaben 139 Personen infiziert, davon 19 bereits gestorben. Aber nicht jeder glaubt den offiziellen Angaben. Dr. Peyman Ahmadi arbeitet als Hospitant in der Infektionsabteilung im Masih Daneshvari Krankenhaus. Dr. Ahmadi ist unglücklich mit der Arbeitsweise, wie das Krankenhaus mit Patienten umgeht. Er erklärt: “Das Krisenmanagement ist schrecklich in vielen Krankenhäusern und in vielen Sektionen. Patienten, die positiv auf das Virus getestet wurden, werden in den selben Bereichen untergebracht, wie Personen, die noch auf ihre Ergebnisse warten. Heute wurde zum ersten Mal eine Abteilung des Krankenhauses evakuiert und für Personen reserviert, die sonst in Gefahr kämen, mit dem Virus infiziert zu werden. Dieses Chaos führt dazu, das sich das Virus leichter verbreitet. Wir hatten die Nachrichten vom Virus jeden Tag gelesen, aber als wir dann damit konfrontiert wurden, waren wir nicht bereit. Jeder Teil des Systems und des Landes war in Schockstarre vom ersten Tag bis heute.”


In den sozialen Medien wiederum verbreiten sich Gerüchte. Menschen twittern den ganzen Tag und fast jede Unterhaltung führt zur aktuellen Lage und persönlichen Meinungen, wie man sich vor dem Virus schützen kann. Kimia ist eine junge Frau (30 Jahre alt) aus Ghom, einer Stadt südlich von Teheran, die komplett vom Virus übernommen wurde. Sie hat sich mit ihrer Großmutter im Haus eingeschlossen und glaubt, dass sie vielleicht infiziert wurde: “Ich habe zwei Verwandte in den letzten Tagen durch das Virus verloren. Mein Cousin und eine Tante starben in den ersten Tagen nach der offiziellen Bestätigung durch die Regierung. Ich bin sehr traurig und denke, dass ich auch infiziert bin. Meine Großmutter hat meine Tante nur ein paar Tage vor ihrem Tod besucht und wir waren alle zusammen. Ich habe mich selbst in Quarantäne begeben, so auch meine Großmutter und viele meiner Verwandten. Krankenhäuser reagieren nicht auf die Bedürfnisse der Menschen und in den meisten Fällen machen sie keine Tests. Die Ärzte verschreiben die selben Medikamente, als wäre es eine normale Erkältung oder eine Grippe. Nichts ist klar, ich verstehe nicht, warum die Regierung daraus so ein Geheimnis macht. Vielleicht wollen sie eine große Demonstrantion zum Jahrestag der Islamischen Revolution? Vielleicht haben sie gedacht, die Information über einen Ausbruch des Corona-Virus könnte die Wahlbeteiligung senken? Ich verstehe das alles nicht. In den Nachrichten kann man lesen, wie viele Menschen gestorben sind und man kann es mit der Situation in anderen Ländern vergleichen. Das sagt eine Menge aus, wie es hier abläuft.”


Angst vor dem Corona-Virus

Dr. Ahmadi macht nicht das Gesundheitssystem für die späte Antwort auf den Ausbruch verantwortlich: “Auch jetzt haben wir nicht genügend Testkits. Es gibt sie nur ein ein paar großen Krankenhäusern in einigen großen Städten, aber der Virus übernimmt das Land. Wir können die Testkits nur bei Patienten mit akuten und schweren Symptomen nutzen. Ich verstehe die Wut der Bevölkerung gegen das Gesundheitssystem. Aber die Menschen müssen verstehen, dass wir unser Möglichstes unternehmen, um den Menschen in diesen harten Zeiten zu helfen. Wir haben einige gute Ärzte und Schwestern verloren, die durch den Virus umkamen, als mit minimalen Ressourcen und Ausstattung gegen den Virus kämpften. Trotzdem schreien uns die Menschen auf den Korridoren an. Sie hören die Nachrichten im Internet und hören unterschiedliche Dinge und manchmal geraten die Gerüchte außer Kontrolle. Wir müssen die Menschen informieren und das ist zur Zeit nicht einfach. Es gibt kein Vertrauen in offizielle Aussagen, um die Menschen zu beruhigen. Die Bevölkerung sollte mehr zu Hause bleiben und belebte Plätze meiden.”


Präsident Rohani wiederum sagte in seinem Statement zum Ausbruch: “Die Feinde der Islamischen Republik verschwören sich, um unsere Nation zu unterdrücken, jetzt mit der Ausrede des Corona-Virus. Alles sollte zurück zur Normalität und business as usual gehen.” Diese Aussagen verursachten einen öffentlichen Wutausbruch. Auch die Studentenvereinigung des Iran veröffentlichte eine Erklärung, in der sie die Aussagen von Rohani verdammten und sie als gegen die Gesundheit und die Sicherheitsrichtlinien während einer Epidemie gerichtet bezeichnete.


Masken und Desinfektionsmittel sind ausverkauft

Mit einer Erklärung des Gesundheitsministerium wurde der Export von Rohmaterialen zur Produktion von Masken bis auf weiteres verboten. Auch die Importsteuer auf Masken wurde von 55 Prozent auf 5 Prozent reduziert. Außerdem wurden alle Hersteller von medizinischem Material und Medikamenten über die Lage informiert und es wird erwartet, dass sie ihre Produktion auf drei Schichten hochfahren. Aber immer noch gibt es in großen Städten wie Teheran zu wenig medizinisches Material und Hygieneprodukte. Die Polizei meldete außerdem, dass in einigen Lagern in der Stadt illegal Masken gelagert wurden, um sie zu hohen Preisen auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen.


Dr. Shadi Nafisi arbeitet in einer Apotheke im Zentrum von Teheran, wo solche Produkte wie in allen anderen Läden sehr gefragt sind. Sie erzählt von ihren Erlebnissen: “Am Anfang gingen unsere Vorräte von Alkohol und Masken aus. Wie in fast allen Apotheken in der Stadt. Die Menschen schrien uns wütend an und bestraften uns für ihre Angst und Verärgerung. Am zweiten Tag erhöhten sich die Preise für solche Produkte um das fünffache. Es gibt einige private Händler, die Masken an Zeitungsständen und Supermärkte für einen hohen Preis verkaufen. Es wurde zu einem großen Problem. Unsere Kunden glauben, wir würden die Produkte zurückhalten. Aber es ist eine harte zeit für alle und weder Ärtze noch Apotheken halten die Produkte zurück. Es ist mehr ein Wirtschaftsthema in meinen Augen. Einige Menschen haben keine Zugang zu diesen Dingen und andere kaufen mehr als sie benötigen. In dieser Zeit sollten wir mehr Solidarität und Sorge für die anderen zeigen, um die Sache durchzustehen.”