• Redaktion

Iraker machen grauen Beton zu farbigen Wänden des Protests

Von Sinan Salaheddin Mahmoud

Bagdad, Irak: Auf dem blanken Beton und Bürgersteigen zeigen Iraker ihre Wut über die politische Elite und hoffen für eine bessere Zukunft. Seit Beginn der Proteste am 1. Oktober demonstrieren Tausende Iraker gegen die Regierung. Anders als vorherige Proteste verlaufen seit der US-Invasion im Jahr 2003 sind die aktuellen Proteste ohne große Anführer und die meisten Demonstranten sind jung. Sie fordern nicht nur Jobs und besseres Regierungshandeln, sondern eine Neuordnung des politischen Prozesses.


Sie nennen ihre Proteste eine “Revolution”, aus der ein neuer Irak entstehen soll. Die Demonstranten haben den Bagdader Tahrir Platz in eine Zeltstadt verwandelt, in der auch ein kulturelles Leben stattfindet. Auf die Wände der Tunnel unter dem Platz haben sie noch mehr Platz gefunden, um ihre Forderungen zu zeigen.


Wände des Protests statt grauer Beton in Bagdad. Bild: Sinan Salaheddin Mahmoud

“Wo bist du?” fragen sie in einem Grafitti die Vereinten Nationen, die in den Protesten angeklagt wird, sich auf die Seite der Regierung geschlagen zu haben. Ein andere Grafitti zeigt eine Patrone auf dem Weg zum Kopf eines jungen Mannes, der neben einem UN-Logo steht. “Stoppt das Töten”, sagt das Grafitti.


Zum ersten Mal in der konservativen Gesellschaft haben sich auch Frauen in größerer Anzahl unter die Protestle und damit fremde Männer gemischt. Viele helfen mit medizinischer Unterstützung, sorgen für Ordnung im Camp oder kochen für die Demonstranten. “Das sind unsere Frauen”, sagt ein anderes Grafitti, das eine junge blonde Frauen zeigt, die ihre beachtlichen Muskeln präsentiert. Auf den Bürgersteigen beweinen sie ihre getöteten Demonstranten.


An einer Ecke werden die Helme von getöteten Demonstranten aufgebahrt, mit denen sie ihre Köpfe gegen die Tränengasgeschosse oder Patronen zu schützen versuchten. Auch blutüberströmte Kleidung und persönliche Gegenstände werden gezeigt. Iraks halb-offizielle Menschenrechtskommission und internationale Organisationen beklagen die exzessive Gewalt der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten. Sie zählen inzwischen mehr als 400 Tote und Tausende Verletzte bei den Protesten in Bagdad und anderen Städten im Zentralirak und südlichen Provinzen. In einem Versuch, die Proteste zu beruhigen, versprachen die irakische Regierung und Parlament Verfassungsänderungen, Jobs und soziale Erleichterungen. Am Sonntag nahm schließlich das Parlament den Rücktritt der Regierung an.


Helme von getöteten Demonstranten als eine Art Schrein. Bild: Sinan Salaheddin Mahmoud

Aber die Demonstranten bleiben auf der Straße. “Ich bin nicht zufrieden”, sagt ein 21-Jähriger aus der Diyala-Provinz, der letzt Woche zweimal in Bagdad protestierte. “Wir werden nicht aufgeben, bis wir die aktuellen Politiker und deren Parteien weggefegt haben und ein neues System errichtet haben”, sagt er. Das neue System soll seinen Wünschen nach eine Aufläsung des Parlaments und Machtübergabe an den Präsidenten bedeuten. “Das ist besser als das alte System mit Dutzenden korrupten politischen Parteien”, sagt er.


Für einen anderen Demonstranten haben die Proteste zusammengeführt, was die Iraker über die vergangenen Jahre vermisst haben. “Die Proteste haben uns vereint”, sagt ein 22 Jahre alter Demonstrant, der seine drei Schwestern mitgebracht hat. “Das wichtigste ist, dass die Jugend ein gemeinsames Ziel, eine Vision hat und Beachtung findet. Er schloss sich den Protesten an, um eine bessere Zukunft zu haben. “Meine Zukunft ist unklar”, so der Demonstrant, der Erdölingenieurwesen an der Uni Bagdad studiert. “Daher möchte ich meine Zukunft selbst bestimmen”.


“Wir sind sture Menschen, wir müssen unsere Proteste weiterführen und wir werden”, ergänzt er. (Beide Demonstranten wurden aus Sicherheitsgründen anonymisiert, um Vergeltungsmaßnahmen der Regierung zu vermeiden).