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Iraker fürchten Verschärfung in der US-Iran-Krise

Von Sinan Salaheddin Mahmoud, Bagdad, Irak


Die Auseinandersetzungen der letzten Wochen haben im Irak Befürchtungen hervogeholt, die seit Jahren im Raum stehen: Das Kriegs-versehrte Land verwandelt sich in das Schlachtfeld der USA und ihres Erzfeindes, dem Iran – ein Konflikt, in den die Iraker hineingezogen wurden, obwohl sie ihn nicht gewählt haben. Die Spannungen zwischen den beiden verfeindeten Ländern hatten sich im letzten Monat verschlechtert. Seitdem haben die USA und Iran Angriffe und Vergeltungsangriffe auf irakischem Boden durchgeführt, trotz der Aufrufe irakischer Offizieller die offene Missachtung der irakischen Souveränität zu beenden. Die unvorgesehene Eskalation – die manche zu Warnungen vor einem Dritten Weltkrieg hineißen ließen – kamen als Begleitung der Proteste, die den Irak seit Oktober durchschütteln.


Szenen der Proteste im Irak. Bild: Sinan Salaheddin Mahmoud

Die Demonstranten forderten unter anderem politische Reformen und ein Ende der Einmischung fremder Mächte in die internen Angelegenheiten des Irak, hauptsächlich durch den Iran. Die anti-iranischen Proteste sind in den Augen der Iran-gestützten schiitischen Milizen und Parteien ausreichend, um die Demonstranten im Lager der USA zu sehen, was zum harten Vorgehen der Milizen und Sicherheitskräfte gegen die Proteste führte, sagen die Demonstranten.


“Seit Begin unserer Proteste haben sie uns beschuldigt, Teil einer größeren Verschwörung gegen den Iran und seinen Einfluss im Irak, geführt durch die USA, zu sein. Sie warfen us vor, Agenten der US-Botschaft und anderer zu sein”, sagte ein Aktivist auf dem Tahrir-Platz, dem Epizentrum der Protestbewegung. Der Aktivist bat aus Furcht vor Rache bei seinem Spitznamen, Abu Sajad Jamhouriya, genannt zu werden. Die neue Eskalation hat den Demonstranten ein weiteres Risiko beschwert. Attacken bei pro-iranischen Massen haben das Risiko von weiteren Verschlechterungen in vielen Plätzen erhöht. “Wir sind mehr als zuvor in Angst vor den Iran-gestützen Parteien”, sagte Jamhouriya. “Sie sehen uns als leichtes Ziel für Vergeltungsmaßnahmen gegen die USA, einfacher als Angriffe auf die US-Truppen im Irak”, ergänzt er. “Die Situation ist sehr gefährlich und die Spannung hat unbekannte Höhen erreicht”, sagt Jamhouriya.


Hintergrund: Die Entwicklungen im Irak

Über die letzten Monate hinweg hat die US-Regierung den Iran beschuldigt, Mastermind hinter den Raketen-Angriffen schiitischer Milizen auf die US-Botschaft und Militärbasen zu sein. Die USA warnten vor einer “entschlossenen Reaktion” gegen den Iran und seine Verbündeten im Irak, sollten US-Amerikaner verwundet werden. Die Spannungen verschärften sich am 28. Dezember, als die USA dem Iran vorwarfen, dass Iran-gestützte Kataib Hezbollah Milizen einen Raketen-Angriff auf die K1 Militärbasis am Tag zuvor durchgeführt hätten. Beim Angriff auf die Basis nahe der nordirakischen Stadt Kirkuk kam ein US-Contractor ums Leben und mehrere Soldaten wurden verletzt.


Einen Tag später erklärte das Pentagon, dass US-Streitkräfte “defensive Präzisionsangriffe” auf fünf Kataib Hezbollah Einrichtungen durchführte, drei im Irak und zwei in Syrien, um “die Fähigkeit für weitere Angriffe gegen die US-geführte Koalition zu schwächen”. Der Angriff tötete 25 schiitische Kämpfer und verwundete Dutzende, so die Verlautbarungen der Iraker, die wie auch die schiitischen Milizen wütend auf die Angriffe reagierte. Einer derjenigen, die eine “sehr harte Reaktion auf die US-Truppen im Irak” forderte, war der Kataib Hezbollah Anführer Jamal Jaafar Ibrahimi, bekannt bei seinem nom de guerre Abu Mahdi al-Muhandis. “Das Blut der Märtyer wird nicht umsonst vergossen sein”, sagte Al-Muhandis in einem Statement. Kataib Hezbollah ist nicht mit der Hisbollah im Libanon zu verwechseln.

Während der Trauerprozession für die getöteten Kämpfer, drangen einige der Trauernden – von denen manche im Armeeuniformen – in die gesicherte Grüne Zone in Bagdad mit den wichtigsten Behörden und ausländischen Botschaften vor und riefen: “Tod, Tod für Amerika”. Das Ziel war die US-Botschaft. Innerhalb von Minuten sammelten sich Hunderte wütender Trauernde vor dem Botschaftskomplex, unter ihnen hohe Milizangehörige. Sie stürmten, beschädigten ein Empfangsgebäude und setzen es in Brand. Nach ihrem Abzug hinterließen sie Grafittis an den Wänden, auf denen Iran und die Milizen gepriesen wurden. Einige Tage später antworteten die USA mit einem Drohnenangriff auf den iranischen Top-General Quassim Soleimani, nach dem er am Bagdader Flughafen gelandet war, und Al-Muhandis und einige andere.


Der Iran wiederum schoss als Vergeltung fast zwei Dutzend Raketen auf zwei irakische Basen, die auch US-Truppen behergen. Die Angriffe töteten keine US-Soldante oder andere Truppen, hinterließen aber Schäden an den Einrichtungen.

US-Drohungen gegen den Irak

Wütend über den unilateralen Angriff der USA, erklärte der amtierende Premierminister des Irak auf Basis einer Entscheidung des Parlaments, dass die US-Truppen das Land verlassen müssten. Die Abstimmung im Parlament wurdenur von schiitischen Abgeordneten gestützt, während die sunnitischen und kurdischen Abgeordneten sich gegen die Entscheidung stellten, mit der Begründung, dass der Irak noch immer die US-Truppen für Ausbildung und Kampf gegen IS-Anhänger benötige.

Als Antwort drohte der US-Präsident Trump dem Irak mit Wirtschaftssanktionen, sollten die US-Truppen wirklich das Land verlassen müssen. Die Drohungen brachten unter den Irakern bittere Erinnerungen an die UN-Sanktionen nach dem Golfkrieg 1991 zurück, nach dem die irakische Armee aus dem Nachbarland Kuwait vertrieben wurden. “Wie die Sanktionen in den 1990er Jahren würden die neuen Sanktionen hauptsächlich die Armen treffen”, sagte Jamhouriya. “Wir sehen keinen Vorteil darin, die Beziehungen zu den USA zu schwächen oder zu stoppen, da dies die Iran-gestützen Parteien stärken würde”, sagte er. “Ehrlich gesagt fürchte ich mich vor den Drohungen von Trump und fühle mich nervös. Wir hatten damals sehr harte Zeiten und ich will nicht, dass eine neue Generation dies erneut erlebt”, ergänzt er.


Baum mit toten Demonstranten in Bagdad. Bild: Sinan Salaheddin Mahmoud

Eine seiner Erinnerungen an die Zeiten der UN-Sanktionen war, als er seinen Freund überzeugen konnte, das Tuch seines Vaters zu geben, um daraus einen Mantel zu machen, weil er sich keinen neuen leisten konnte. Er glaubt, dass der Irak eine neue Regierung braucht, “um uns sehr schnell aus der Zwickmühle zu bringen” und den Einfluss ausländischer Mächte zu stoppen und Beziehungen zu allen Nationen aufbauen zu können.


Um zu zeigen, dass die Demonstranten pro-irakisch sind, äußerten sich die Demonstranten am Freitag nicht nur gegen die irakische Politelite, sondern auch gegen die USA und Iran. Auf dem Bagdader Tahrir Platz und anderen Protestcamps riefen die Demonstranten Anti-US und Anti-Iran-Slogans. “Haltet euch vom Irak fern”, sagt ein Banner in Englisch, Farsi und Arabisch. Unter den drei Sätzen waren durchgekreuzte Karten vom Iran und den USA. “Der Irak wird nie ein Platz für eure Streitigkeiten sein”, sagt ein anderer.


Die jüngsten US-iranischen Spannungen haben den Humor der Iraker hervorgeholt, die seit der Invasion 2003 mit den Unbillen des täglichen Lebens zu kämpfen haben. In einem Social Media Post beschwert sich der Verfasser, dass der Irak zu einem Kampfgebiet geworden ist. In einem Wortspiel werden aus den letzten Buchstaben des arabischen Worts für Irak zu “Streit”. In einem anderen beschuldigt ein Mann die Nachbarländer, an der Tragödie des Irak schuldig zu sein und schneidet aus einer Karte die Umrisse des Irak aus und setzt diese in den Pazifik. “Dies ist die einzige Lösung, mit der wir in Frieden leben können – wenn niemand uns erreichen kann”.