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Fahrradfahren in Kairo

Beim Thema Radfahren denken die meisten Menschen in Deutschland in der Regel an Unfälle mit Autofahrern, neue Konzepte wie Radschnellwege oder - wenn sie aus Städten wie Berlin oder München kommen - mit Wehmut an die paradiesisch anmutende Infrastruktur in Städten wie Kopenhagen oder Amsterdam.

In den arabischen Ländern jedoch sind Radfahrer schon eine gefährdete Minderheit, radfahrende Frauen dagegen eine Seltenheit.


So sieht Freiheit aus (Quelle: Instagram der Cairo Cyling Geckos)

In Kairo hat sich vor drei Jahren eine Gruppe von Frauen zusammengetan, um gemeinsam zu radeln. Die Gründerin der Cairo Cycling Geckos ist eine junge Kunstkuratorin, die leidenschaftlich Sport treibt und diesen in der Heimat vermisste. "Ich bin auf meinen Reisen immer Fahrrad gefahren und habe es sehr genossen. Ich fand es furchtbar, dass ich es zu Hause nicht machen konnte - wegen der Straßen, der fehlenden Fahrradwege und wegen der Belästigung", erklärte sie in einem Interview mit dem Magazin dis:orient.

Und so beschloss Nouran Salah im Jahr 2016, einfach auf das Rad zu steigen und los zu radeln. Die Reaktion auf diese doch sehr alltägliche Sache war in Kairo jedoch ein wenig bizarr, wie sie sich erinnert. Pfeifen, Klatschen und insgesamt ein Gefühl, als wäre sie im Scheinwerferlicht auf einer Bühne.


"Cycle to feed the poor": Die Cairo Cycling Geckos


Salah blieb dabei - trotz zahlreicher abwertender Kommentare von einem Teil der männlichen Bevölkerung - und sammelte in den Geckos mehr Rad-begeisterte Frauen um sich.

Im April 2016 kam ihr eine Idee, die ihre Bewegung weltweit bekannt machen sollte: Sie sammelte gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen, in den frühen Morgenstunden im Ramadan Spenden zu sammeln und Sandwiches zu verkaufen. Mit dem Geld kauften sie Lebensmittel und Kleidung für die Armen der Stadt.

Salah verband Empowerment für die Rechte der Frauen mit dem sozialen Engagement für die Ärmsten der Armen - eine Kombination, die aufging. Die Bewohner der Stadt gewöhnten sich daran, Frauen auf dem Rad zu sehen und begannen, diese vor abwertenden Kommentaren zu schützen.

Heute organisieren die Geckos Touren in andere Regionen Ägyptens und ermutigen, Frauen sich ihre Rechte nicht länger nehmen zu lassen - sei es Rad zu fahren, das Kopftuch abzunehmen oder einfach Sport zu machen.

Die große Medienaufmerksamkeit (unter anderem in einem Bericht auf Arte) führte anfangs zu Spannungen in der Gruppe. Mitgliederinnen hinterfragten das Engagement und störten sich an der Öffentlichkeit, die das Projekt hervorruf. Salah konnte aber zeigen, dass die Presseaufmerksamkeit die Geckos unterstützt und ihre Anliegen fördert.

Das soziale Engagement der Gruppe hat sich noch weiter ausgebreitet: Flüchtlinge aus Afrika kochen die Mahlzeiten für die Armen der Stadt und erhalten somit ein kleines Einkommen, das gerade für Flüchtlinge überlebenswichtig ist.

Eines steht aber bis heute im Vordergrund: Der Spaß am Radfahren und der unbedingte Wille, sich diesen von verkrusteten Moralvorstellungen nicht nehmen zu lassen.