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Ein deutscher "Lawrence von Arabien"?

Aktualisiert: 5. Juni 2019

Das Wirken des echten "Lawrence von Arabien" ist weithin bekannt, nicht zuletzt durch die neudeutsch gute Selbstvermarktung von T. E. Lawrence, der schon immer seine Taten ins rechte Licht zu rücken wusste.

Bekanntlich wollte Lawrence die arabischen Stämme einen und mit ihnen ein "wahres arabisches Kalifat" errichten. Netter Nebeneffekt für das britische Reich: Der verhasste Gegner im Ersten Weltkrieg, das Osmanische Reich, würde beseitigt werden und die britischen Besitztümer von Indien bis nach Europa wären miteinander verbunden und leichter zu regieren.


Fast schon eine Ansammlug von Klischees: Waßmuß in "orientalischer Tracht"

Der deutsche Lawrence hingegen ist nur geschichtlichen Feinschmeckern bekannt. Auch er war im Ersten Weltkrieg in die große Weltpolitik involviert und versuchte, einen Aufstand gegen Fremdherrscher zu organisieren, sein Vermächtnis ist aber nahezu unbekannt.

Doch der Reihe nach: 1880 wurde im südlichen Niedersaches ein gewisser Wilhelm Waßmuß geboren. Waßmuß, aus einer armen Bauernfamilie stammend, schaffte es zu studieren (Orientalistik) und bekam eine Stelle im Staatsdienst. 1914 kam er als deutscher Konsul im zarten Alter nach Busher in den Iran und damit im zarten Alter von 34 Jahren in den Strudel der Weltpolitik.

Die Briten, die längst begonnen hatten, sich den Iran mit den Russen aufzuteilen (das bekannte Great Game), sahen in ihm einen deutschen Lwarence von Arabien, als er begann, den persischen Widerstand gegen die Briten zu unterstützen. Doch damit liegt die britische Wahrnehmung grundlegend falsch. Waßmuß unterstützte keineswegs einen islamistischen Gottesstaat, sondern eine persische Nationalbewegung, die sich gegen die Fremdherrschaft der im Land marodierenden Briten und Russen entgegenstellen wollte.


Klischeebild 2: Waßmuß inmitten persischer Kämpfer

Sicherlich kämpfte Waßmuß auch mit dem Antrieb, einem Feind des deutschen Kaiserreichs zu schaden, aber Deutschland hegte keinerlei kolonialen Wünsche im Iran. Waßmuß förderte sogar den im besten Sinne zu verstehenden Nationalismus der Perser und die intektuellen Schichten des Landes mit einer Zeitschrift, die mit deutscher Förderung erschien und bis heute als einer der besten persischen Zeitschriften

aller Zeiten angesehen wird. Von 1916 bis 1922 konnte die Zeitschrift Kaveh erscheinen, benannt nach einem mythischen iranischen Schmid, der gegen die Tyrannei kämpfe (und siegte). Gefördert wurde sie vom Auswärtigen Amt des deutschen Kaiserreichs, dass die klügsten Köpfe Persiens zusammenbrachte, um Beiträge für die Zeitschrift zu verfassen.

Trotz aller Bemühungen der Iraner und ihrer deutschen Unterstützer scheiterte der Aufstand im Südiran und Waßmuß geriet in britische Gefangenschaft. Aber auch die Briten hatten keinen Erfolg: Die Aufstände im Land dauerten an und verhinderten eine effektive Kontrolle des Landes, sodass der Wunsch der Landbrücke bis nach Indien aufgegeben werden musste.

Waßmuß selbst hatte seine tapferen Kriegkameraden auch nach seiner Freilassung Jahre später nicht vergessen: In einem Don Quichote-artigen Kampf mit den deutschen Behörden versuchte er, die versprochenen Mittel für die persischen Soldaten zu bekommen. 1924 kehrte er schließlich selbst nach Busher zurück, um auf einer Farm das versprochene Geld für die Perser zu erwirtschaften. Auch hier scheiterte er und verließ den Iran

im Jahr 1931 und kehrte nach Berlin zurück, wo er ein halbes Jahr später starb.


Der deutsche Einfluss war jedoch auch Jahre später noch sichtbar: Während die Briten und Russen, später auch die Amerikaner, wegen ihrer kolonialen Gelüste stets verhasst blieben,

waren Deutsche bei den iranischen Herrscher stets gern gesehen. 1921 stürzte ein Offizier der iranischen Kaukausier-Brigade das marode Königshaus und begann das Land in Windeseile zu modernisieren: Reza Khan, später König des Iran unter dem Namen Reza Khan Pahlavi. Der einstige Chefredakteur der Kaveh-Zetschrift wurde sein Berater, dessen Kollegen die stärksten Unterstützer des neuen Herrschers, der das siechende Land wieder aufbauen wollte - und dabei an vielen Stellen auf deutsche Hilfe zurückgriff. Bei der Gründung der Universität Teheran, dem Umbau der Verwaltung oder dem Gesundheitssektor: Deutsche waren überall dabei. Doch auch Reza Khan scheiterte schlussendlich an den Briten. 1941 marschierten diese mit den Russen in das Land ein, nachdem die Perser zwei Jahre lang sich im neuerlichen Weltkrieg neutral halten konnten.