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Die Freiheit, die sie meinen: Warum Tunesien das fortschrittlichste Land im Nahen Osten ist


Schon immer in der ersten Reihe: Frauen in Tunesien - hier bei einer Textilmesse in Tunis


Mit dem arabischen Frühling kamen Freiheiten zu vielen Völkern in Nahen Osten – und gingen meist genauso schnell wieder. Libyen versank im Bürgerkrieg, Syrien versank im Bürgerkrieg, Ägypten konnte nur mit Mühe (und mit einer neuen Diktatur) einen Bürgerkrieg verhindern und gerade für Frauen blieben die erhofften Freiheiten nur ein schmaler Hoffnungsschimmer am Horizont, der allzu schnell verblasste.


Nicht so in Tunesien: Das kleine Land in Nordafrika war schon immer ein bisschen anders als die anderen Länder der Region: Offener, kosmopolitischer, fast ein bisschen wie der Libanon. Im Gegensatz zu den furchtbaren Bildern aus Ägypten, wo die Revolution dazu führte, dass Frauen wie Freiwild auf den Straßen gehetzt, belästigt und vergewaltigt wurde, konnten sich sich die tunesischen Frauen mehr Freiheiten sichern. 2018 wurde mit Souda Abderrahim sogar eine Frau zur Bürgermeisterin der Hauptstadt Tunis gewählt.

Warum also sind Tunesiens Frauen so frei? In der Betrachtung der Geschichte lassen sich zwei Wendepunkte ausmachen.


Der eine, der 13. August 2013, zwei Jahre nach der Revolution von 2011, war ein großer Moment für die Frauenrechte des Landes. Bereits in den Jahren zuvor hatten Frauen ihre Rechte offensiv eingefordert, waren Teil der Oppositionsbewegung, besetzten angeblich männliche Räume, nahmen an öffentlichen Diskussionen teil, ließen sich von alten Knackern nicht vertreiben, wenn sie für ihre Rechte stritten und forderten die alten männlichen Eliten bei jeder Gelegenheit heraus. Die neue Verfassung sollte daher die Rechte und Gleichheit der Frauen schützen, meinten viele und engagierten sich mit großem Tatendrang. Heraus kam jedoch eine Formulierung, die diesem Engagement Hohn sprach: "Der Staat schützt die Rechte und Errungenschaften der Frauen nach dem Grundsatz der Komplementarität mit Männern im Rahmen der Familie und in ihrer Partnerschaft mit Männern bei der

Entwicklung des Heimatlandes".

Diese Formulierung meinte mitnichten, dass Frauen und Männer gleich sind, sondern versuchte, die Frauen in alte Rollen einzupressen.


Daher gingen Frauen am 13. August 2013 auf die Straße und kämpften für ihre Rechte. Die Demonstrationen Tausender, der Einspruch vieler, die Unterstützung von fortschrittlichen Männern und der mannigfaltige Protest zeigte schließlich Wirkung. In der Verfassung von 2014 wurde Artikel 46 wie folgt beschlossen: "Der Staat verpflichtet sich, die bestehenden Rechte von Frauen zu schützen und

setzt sich für die Stärkung und Entwicklung jener Rechte ein."

Das war es. Damit war zum ersten Mal eine echte Gleichberechtigung erkämpft und verfassungsrechtlich gesichert.


Doch woher nahmen die Frauen den Mut und die Entschlossenheit?

Der Grund liegt in der Geschichte und bereits fast 60 Jahre zurück. Am 13. August 1956 (!) wurde das „Gesetzbuch über den persönlichen Status“ erlassen. Diese progressiven Gesetze entstanden in einer Phase, als sich Machthaber in ganz Arabien für linke und säkulare Ideen begeisterten, auch wenn diese in der Regel nicht umgesetzt wurden. Nicht so in Tunesien. Bereits in den 1950ern und 1930ern waren die Frauen wichtiger Bestandteil der Unabhängigkeitsbewegungen und Sozialproteste. Mit dem Gesetzbuch konnten sich die Frauen aber erste wichtige Rechte sichern, so dass in der gesamten Region die Unabhängigkeit der tunesischen Frauen sprichwörtlich wurde. So verboten die neuen Gesetze Vielehe, erlaubten Schwangerschaftsabbrüche, gaben den Frauen Pässe, Bankkonten und die Erlaubnis, Geschäfte zu eröffnen.


Auch der Schwenk in den islamischen Konservatismus und Fundamentalismus machten die tunesischen Frauen – und auch Machthaber – nicht mit. Einmal erstritten, behielten die Frauen ihre Rechte und verteidigten diese mit großem Mut. Daher war es auch nicht ungewöhnlich, dass Frauen bei der Revolution von 2011 wieder ganz vorne dabei waren und konsequent für Freiheit eintraten.Ein Erfolgsfaktor der tunesischen Frauenbewegung war dabei nach Ansicht der Beobachter, das sich die Frauen starke Unterstützer suchten. Sie kämpften gemeinsam mit Armenbewegungen, mit Umweltschützern und Gewerkschaftern, mit Liberalen und Demokraten – und schafften sich somit Gehör und ihren rechtmäßigen Platz in den Gremien und seit dem 13. August 2013 auch endlich in der Verfassung.


Der Kampf ist jedoch noch lange nicht gewonnen, das wissen auch die Frauen in Tunesien. Auch wenn die Hauptstadt von einer selbstbewussten Frau regiert wird, erleiden noch immer viele Frauen Gewalt in der Ehe, von Verwandten oder Fremden. Aber eines ist sicher: Wenn es jemand in Arabien schafft, auch diese Ungerechtigkeiten zu beseitigen, dann sind es die starken Frauen des kleines Landes am Mittelmeer.