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Die Blutmonate von 1988

In diesem Sommer jährt sich zum 30. Mal eine Serie von Hinrichtungen im Iran. Ab 29. Juli 1988 begann das Regime Abertausende von Oppositionellen und Gegnern hinzurichten.

In einem beispiellosen Akt von Gewalt wurden Tausende Dissidenten - zumeist Volksmudschahedin und Linke - hingerichtet.


Das berüchtigte Evin-Gefängnis, Schauplatz der Hinrichtungen

Bereits Monate zuvor begannen die Planungen für den staatlichen Massenmord, auch wenn als "Grund" für die Hinrichtungsserie spätere echte und angebliche Aufstände, Anschläge und Abfall vom Islam herangezogen wurden.


In Teheran wurde dazu ein Sondergericht aufgebaut, das die einzelnen Beteiligten des Staates wie den Obersten Führer, den Premierminister, die Staatsanwaltschaft und Gefängnisverwaltung repräsentierte.


Anschließend wurden die Gefangenen vor das Sondergericht geladen, ohne das diese wussten, warum sie erscheinen mussten. Die Befragung diente, so gab das Sondergericht vor, der Trennung von muslimischen und nichtmuslimischen Gefangenen.


Der Fragenkatalog, dem sich die Gefangenen stellen mussten, ist an Perfidie kaum zu überbieten und wurde mit Eiseskälte exekutiert.

Die erste Frage lautet: Welcher politischen Gruppierung gehören Sie an?

Lautete die Antwort "Volksmudschaheddin" war die Befragung bereits zu Ende.

Antwortete der Gefangene, dass er ein Aktivist sei, wurde er gefragt:

  • ob er bereit sei andere Aktivisten zu verraten, auch vor laufender Kamera

  • ob er bei ihrer Gefangennahme behilflich sein würde

  • ob er bereit sei, Sympathisanten zu nennen

  • ob er bereit sei, für den Iran in den Krieg zu ziehen und über Minenfelder zu laufen.

Wurde eine der Fragen mit nein oder ausweichend beantwortet, war die Befragung zu Ende.


Ein anderer Fragekatalog drehte sich um den Glauben der Gefangenen:

  • Bist du Muslim?

  • Glaubst du an Gott?

  • Ist der heilige Koran das Wort Gottes?

  • Glaubst du an Himmel und Hölle?

  • Akzeptierst du, dass Mohammed der letzte der Propheten ist?

  • Wirst du öffentlich dem historischen Materialismus abschwören?

  • Fastest du während des Ramadan?

  • Betest du und liest du den Koran?

  • Würdest du deine Zelle lieber mit einem Muslim oder Nicht-Muslim teilen?

  • Wirst du ein Schriftstück unterzeichnen, dass du an Gott, den Propheten, den Koran und die Wiederauferstehung glaubst?


Und hinterhältigste Frage war: Als du ein Kind warst, hat dein Vater gebetet und den Koran gelesen?

Diese Frage zielte nämlich darauf ab, zu klären, ob der Gefangene mit dem Islam in Kontakt gekommen war. Würde der Gefangene sagen, er sei Muslim, faste aber nicht regelmäßig, obwohl sein Vater ihm das vorgelebt hätte, sei er kein Muslim, sondern vom Glauben abgefallen und daher zum Tode zu verurteilen.


Khomenei (rechts): Gründer und Herrscher über die Islamische Republik

Gleichzeitig konnten sich einige Gefangene damit retten, indem sie dem Gericht vortäuschen konnten, dass ihre Väter nicht gebetet oder im Koran gelesen haben, somit sie selbst nicht vom Glauben haben abfallen können, da sie nie in den Glauben eingeführt wurden.

Für den Rest bedeutete die Antwort nein auf eine der Fragen den sicheren Tod. Auch Gefangene, die ihre Strafe bereits abgesessen hatten, wurden zum Tode verurteilt.


Als Ende Juli die Befragungen und Hinrichtungen begannen, wurden die Gefängnistore im berüchtigten Evin-Gefängnis abgeriegelt, Telefonate oder Besuche abgesagt, Arztbesuche gestrichen und die Aufnahme von Paketen für die Gefangenen eingestellt.

In den Gefängnissen wurden die Verurteilten blockweise isoliert, ihre Radios und Fernsehgeräte entfernt. Alle Einrichtungen wie Apotheken, Werkstätten, Labore oder Leseräume wurden geschlossen, die Wächter durften mit dem Gefangenen nicht mehr sprechen.


Nach den Befragungen wurden die Gefangenen aufgefordert, ihr Testament zu schreiben und ihre Wertsachen abzugeben. Anschließend wurden je sechs Häftlinge an den Galgen geführt und auf eine besonders grausame Art der Hinrichtung erstickt.

Nach einigen Tagen waren die Henker so erschöpft, dass sie Erschießungskommandos forderten. Dies lehnte das Sondergericht mit Verweis auf die Scharia ab. Es ist anzunehmen, dass der wahre Grund für die Exekutionsmethode das Vermeiden von Geräuschen war, da Erschießungen weitaus schwieriger zu verheimlichen gewesen wären.


Bis heute ist nicht klar, wie viele Menschen genau das Regime ermordete. Selbst eine anständige Beisetzung wurde den Hinterbliebenen untersagt. Erst nach einem Jahr wurde ihnen der Platz mitgeteilt, wo man die Häftlinge vergraben hatte - und auch nur, wenn die Familien ein Verhalten gezeigt hatten, das dem Regime zur Zufriedenheit gereichte. Einer dieser Plätze ist der Khahavaran Friedhof, auf dem ein Teil als Platz der Verdammten bezeichnet wird - die letzte Ruhestätte der Regimegegner, wo den Familien der Opfer bis heute öffentliches Trauern durch die Islamische Republik verboten wird.


Ebrahim Raisi, Schlächter von Teheran

Bis heute sind diese Tausenden Morde ungesühnt und die Verantwortlichen für das Massaker laufen noch immer frei herum. Ganz im Gegenteil haben viele von ihnen sogar gute Karrieren einschlagen können - so unter anderem Ibrahim Raisi, damals bei der "Staatsanwaltschaft", heute Oberster Richter des Iran.

Oder Mostafa Pour Mohammadi, damals im Sondergericht tätig und später Innenminister unter Ahmadinejad und Justizminister unter dem "gemäßigten" Präsidenten Rohani.