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Der Freigeist und das gute Herz Ägyptens

Aktualisiert: 5. Juni 2019


Ein freier Kopf, ein Liebhaber der schönen Künste, ein Freund des Selbst-Denkens, ein Mensch mit Herz für die Armen und Unterdrückten - Nagib Mahfuz selbst sah sich meist nur als einfacher Schriftsteller, aber in Wirklichkeit war er ein intellektueller Gigant, ein Leuchtturm der zeitgenössischen Kultur in Ägypten, dessen Strahkraft ungebrochen ist. Als einziger arabischer Nobelpreisträger ist er der Stolz der Nation und der Araber - auch wenn er in der Vergangenheit unangenehm war, da er Autoritäten und den Verstand eines jeden Lesers herausforderte.


Nicht Ray Charles, aber mindestens genauso lässig: Nagib Mahfuz

Doch der Reihe nach.

Mahfuz wurde 1911 in Kairo geboren und hatte als Sohn eines kulturbeflissenden Beamten einen vergleichsweise guten Start ins Leben - zumal sein Vater schon mit der Namensgebung für seinen Sohn eine Offenheit bewies, die das Leben seines Sohnes prägte.

So bekam Mahfuz den Names berühmten koptischen Arztes, also eines Christen, der seine Entbildung beaufsichtigte.

Gleichwohl war der Vater Abdel-Aziz Ibrahim und die Familie insgesamt sehr streng muslimisch, was auch seine Erziehung prägte. Mahfuz bezeichnete später seinen Vater milde als "old fashioned". In einem Interview sagt er, niemand habe wohl erahnen können, dass aus so einer Familie ein Künstler stammen könne.

Damit tat er jedoch seiner Mutter Unrecht an, die - obwohl Analphabetin - sehr um seine kulturelle Bildung bemüht war und ihn in allerlei Museen und anderen kulturellen Einrichtungen führte. Mahfuz war der jüngste der sieben Kinder der Familie und da der Altersunterschied sehr groß war, fühlte er sich wie ein "Einzelkind" aufwachsen, sagte er Jahre später.

Mahfuz wuchs in den lebendigen und quirligen Altstadt von Kairo auf, die so gar nicht mit dem heutigen Kairo zu tun hat: Zuerst in einem Viertel in Gamaliya, später in Abbasiya, damals ein neues Quartier.

Fast eine Ironie der Geschichte: Mahfuz heiratete erst sehr spät, da er immer Angst hatte, nach einer Heirat seine Fähigkeit zu schreiben zu verlieren. 1954, im Alter von 43 Jahren heiratete er doch - und zwar eine koptische Christin aus Alexandria, mit der er zwei Töchter bekam.


Heimat und Mittelpunkt seines Wirkens: Kairo, die Großartige

Die Revolution von 1919, einem Aufstand gegen die Herrschaft der Briten, sollte ihn - oblgeich nur sieben Jahre alt - für lange Zeit prägen. So berichtete er später, er habe selbst britische Soldaten auf Ägypter schießen sehen. Nicht verwunderlich also, dass sein Werk sich dem neuen ägyptischen Nationalismus verschrieb. Nach seiner Schulzeit folgte er dem Weg seines Vaters in den Staatsdienst.

Davor ging Mahfuz an die Uni und studierte Philosophie und fand alsbald eine Stelle im Bildungsministerium.


Schon bald erkannte er seine erzählerische Begabung und begann Kurzgeschichten und Romane zu veröffentlichen. Zunächst wandte er sich historischen Stoffen zu - wohl in der Hoffnung, das von den Briten beherrschte Ägypten mit der Rückbesinnung auf die glorreiche Vergangenheit wieder aufzurichten.

Während dieser Zeit traf er auch auf einen gewissen Sayyid Qutb, der spätere Hauptideologe für die ägyptischen Fundamentalisten aller Coleur. Qutb, der ebenfalls im Dunstkreis des Bildungsministeriums und nationalen Bewegungen unterwegs war, war in jener Zeit noch vorrangig an Literaturkritik interessiert und noch nicht dieser von brennendem Hass erfüllte Ideologe.

Trotz aller politischen Wechsel und Gezeiten konnte Mahfuz seine Anstellung beim Staat immer behalten, was für ihn ein sicheres Einkommen bedeutete, schließlich war er als Autor immer den aktuellen politischen Launen ausgesetzt. So wurde sein Roman "Die Kinder unseres Viertels" aus dem Jahr 1959 erst sagenhafte 47 Jahre später in Ägypten auf arabisch veröffentlicht. In diesem Werk, das nach Meinung konservativer Geistlicher angeblich gotteslästerlich war, ließ er Figuren auftreten, die an Adam Moses, Jesus und Mohammed erinnern.

Hier zeigte sich bereits, was das einzigartige Werk von Mahfuz ausmacht: Eigenständigkeit, Unabhängigkeit gegenüber angeblichen Autoritäten und Toleranz.

Auch in seinen anderen mehr als 400 Werken wie Novellen, Kurzgeschichten, Romanen oder Filmskripten zeigt er seine kunstvolle Art, die Alltägliches mit großer Politik mischt. So auch in seinem bekanntesten Werk, der Kairo Trilogie, die das Schicksal einer Familie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anschaulich erzählte. Mahfuz erklärte einmal, dass in jedem seiner Werke Politik zu finden sei. Man könne Liebe oder anderes in seinen Werken hier und da vermissen, aber Politik - die sei immer da.


Nobelpreisträger, Held, Mensch - der Ägypten schmerzlich fehlt

Mahfuz war also ein zutiefst politischer Mensch, der aus seiner Meinung keinen Hehl macht. Er hing sozialistischen und demokratischen Ideen an, die ihn immer wieder in Gegnerschaft zu Religiösen und Mächtigen brachte.

Er war starker Befürworter eines Friedensvertrags mit Israel und erklärter Feind von religiösen Extremisten. Er verteidigte Salman Rushdie nach der Fatwa von Khomenei und bezeichnete den neuen Führer des Iran als Terroristen.

Sein Engagement für Freiheit brachte ihn auch schließlich selbst in Todesgefahr: Nachdem bereits seine Bücher in vielen Staaten auf dem Index gelandet waren, landete schließlich auch er selbst auf der Todesliste der Extremisten. Trotz seines Ruhmes und der Anerkennung durch den Nobelpreis 1988 war er seit den 80ern immer in Gefahr. 1994 kam es dann zum Attentat: Vor seinem Haus stach ein Islamist Mahfuz mit einem Messer in den Hals.

Mahfuz, schwer verletzt, überlebte nur knapp und litt für den Rest seines Lebens an den Nachfolgen des Attentats. Nur mit Hilfe seines Anwalts konnte er täglich einige wenige Zeilen schreiben und musste in dessen Haus zu seiner Sicherheit bleiben.

2006 starb Mahfuz an den Spätfolgen des Attentats, verhasst von religiösen Extremisten, verehrt von den Anhängern von Freiheit und Demokratie.