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Corona: Ein ungebetener Gast

Von Helia A., Iran (HA)

Corona kam über den Iran wie ein ungebetener Gast: Wie auf einmal überfiel die Seuche das Land und führte zu großen sozialen Problemen. Die Menschen hörten, dass der Virus aus China kam und wenn man sich nicht schütze, würde man in wenigen Tagen sterben. Social Media Kanäle waren voller Witze und Spott über Chinesen, die Fledermaus-Suppe essen. In vielen Städten wurden Chinesen aus dem täglichen Leben verbannt, manchmal geschlagen oder beschimpft. Aber nicht nur die Chinesen waren vom Virus betroffen: Die Infizierten im Iran waren nicht nur dem Schmerz der Seuche und den Problemen ausgesetzt, Corona-Patienten sahen sich auch einer sozialen Stigmatisierung ausgesetzt, die durch die Distanzierung entstand: isoliert, abgeschlossen, verhöhnt und manchmal zurückgestoßen.

Erfan infizierte sich in den ersten Tagen des Ausbruchs.


Angst vor Corona führt viele in die Isolation. Bild: HA

Seine Krankheit war akut, aber er wurde auf Anraten des Arztes zuhause in Quarantäne geschickt. Er sagt: „Wir hatten Angst um Vorbelastete im Haus, sodass wir einen Zettel aushängten, auf dem stand, dass ich erkrankt bin. Ich blieb zuhause und ging nicht raus, aber ich empfand es als meine Pflicht, zu informieren, um weitere Infektionen zu verhindern. Ich dachte, es sei richtig so, aber nachdem ich in Quarantäne gegangen war, begannen die Probleme für meine Frau. Ihr wurde gesagt, sie solle das Haus für eine Weile verlassen, sie wurde von den Nachbarn konfrontiert, wenn sie einkaufen ging. Ihr Zuhausebleiben wurde als Rücksichtslosigkeit wahrgenommen und ihr wurden Tausend böse Worte gesagt. Wir baten also einen Freund, für uns einkaufen zu gehen und die Sachen uns bei Nacht zu bringen, wenn unsere sogenannten Nachbarn das nicht mitbekamen.“


Negar hat AIDS und hatte bisher Glück, kein Corona zu bekommen – sie kennt sich aber mit diesen Reaktionen aus: Isolation und Stigmatisierung als Antwort der Mitmenschen auf die Seuche. Es schmerzt sie, diese Worte zu hören: „Als ich herausfand, dass ich AIDS habe, war ich krank und voller Angst. Wegen der Kultur und Traditionen in unserem Land ist HIV nicht nur eine Angst für viele, sondern leider auch in Tabu und Stigma. Wer sich ansteckt, versteckt das in der Regel aus Angst vor den Mitmenschen. Auf einer Party, bei der niemand von meiner Krankheit wusste, sagte jemand mal ironisch: 'Ich habe kein Geld, ich habe kein AIDS.' Das war sehr verletztend. Als ob es nichts schlimmeres in der Welt als meine Krankheit gäbe. Bei AIDS denken die meisten, es handle sich um eine Krankheit von Süchtigen, sodass die Krankheit zu Zurückweisung, Einsamkeit, Isolation und schweren Depressionen führt. Jetzt erkenne ich das bei Corona wieder.“ Sie sagt: „Obwohl die Stigmatisierung anders als andere Ausgrenzungen ist, insbesondere HIV, ist es am Ende das Gleiche. Daher versucht jeder, der an Corona leidet, die Krankheit zu vertuschen.“


Der einzige Schutz vor einer Infektion. Bild: HA

Negar glaubt, dass obwohl die beiden Krankheiten grundsätzlich unterschiedlich sind, dass die Sicht der Gesellschaft auf beide ähnlich ist. Sie haben zudem gemeinsam, dass die Gemeinschaft große Furcht vor einer Ansteckung, aber auch einer Stigmatisierung hat, was zu einer geringen Awareness für die Krankheit führt. „Bei Corona war es so, dass die Krankheit auf einmal in die Mitte unserer Gesellschaft kam und niemand wusste irgendetwas. Das einzige, was die Leute wussten, war, von den Infizierten fernzubleiben. Auf der einen Seite wussten die Infizierten nicht, was mit ihnen geschieht, auf der anderen Seite hatten sie Angst, mit den Mitmenschen zu sprechen und dass diese Angst vor ihnen hätten. Daher war die einzige Botschaft, die ankam, dass man sich und die Krankheit vor den anderen verstecken müsse, sonst würde man von den anderen stigmatisiert. Daher versteckten sich viele und sagten nur Verwandten die Wahrheit.“


Bijan verlor seinen Vater an Corona. Er sagte, dass nur sehr wenige Freunde über den wahren Grund seines Todes informiert sind. „In dieser Zeit sollten wir keine Trauerzeremonie halten, da jede Nähe gefährlich sein kann. Aber ehrlich gesagt, bin ich voller Schmerz über den Verlust meines Vaters, voller Schmerz, allein gelassen zu werden, ohne meine Lieben an meiner Seite und voller Schmerz über die Tatsache, dass ich den Grund des Todes nicht erzählen kann. Das Corona-Stigma macht mich fertig. Es wird mit AIDS, Krebs, Taubheit oder Blindheit gleichgesetzt und Leute machen sich lustig oder sagen böse Worte. Es ist interessant, das jeder der kondoliert, als erstes fragt, ob es Corona war. Als würden die Leute auf Statistiken schauen, nicht darauf, uns zu helfen.“


Erfan erzählt weiter: „Ich will aber nicht ungerecht sein. Man muss auch die andere Seiten sehen: Viele haben uns geholfen und während der Krankheit mit uns sympathisiert. Sie haben uns Essen gemacht und für uns eingekauft. Sie kamen an unser Haus und haben vor dem Fenster mit uns gesprochen, damit wir uns nicht allein fühlen und mit der Lage besser umgehen können. Sie haben alles versucht, um uns Kraft zu geben. Ohne solche Leute wäre die Welt ein schlimmer Ort.“


Diese Entwicklungen im Iran führten zur Bildung einer Kampagne von Psychologen, Psychiatern, Soziologen und Journalisten, die das Problem angehen möchten. Sie nennen die Kampagne „PAK Corona Degradation Movement“. Die Bewegung begann mit der Erkenntnis, dass Isolation und Stigmatisierung bei den Betroffenen psychologische Probleme auslöst, das Verstecken der Krankheit wiederum die Infektionen weiter erhöht. Um diesen Teufelskreislauf zu unterbrechen, versucht die Kampagne, Informationen über das richtige Verhalten zu geben, das Verhalten der Mitmenschen zu ändern und im Internet Geschichten über Betroffenen und Genesene zu bringen. Sie will zeigen, dass die Familien mit den Problemen nicht alleine sind und dass auch viele andere in der gleichen Position sind, und daher eher auf ihr Verhalten achten als darauf, sich zu verstecken und die Krankheit zu verheimlichen.