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Blase oder Boom? Steigende Aktienkurse im Iran

Von Rastin Radvar (RR), Iran

Der Teheraner Aktienmarkt hat in den letzten Monaten eine Reihe von Hochs und Tiefs gesehen. Der Index der Teheraner Börse sprang von 512.000 am 20. Februar auf mehr als eine Million am 19. Mai 2020, was einen Zuwachs von rund 100 Prozent am Aktienmarkt innerhalb von zwei Monaten bedeutet. Der iranische Kapitalmarkt ist eine neue Ära eingetreten, die als “Renaissance” bezeichnet werden kann. Der “neue” iranische Aktienmarkt hat sich von einem abgetrennten Markt in einen offeneren nationalen Markt verwandelt. Die Gründung eines Aktienmarkts in der iranischen Wirtschaft liegt nun in den Händen der Regierung.Hamidreza Alavi, ein Analyse des Aktienmarkts sieht die Entwicklung positiv und glaubt, dass die aktuelle Entwicklung real und keine Blase ist, wie einige sagen. Dennoch, so führen sie fort, ist der Eintritt der Menschen in diesen Produktivmarkt nicht von Begeisterung getragen. Sie glauben auch, dass Privateigentum und die Privatisierung von Staatseigentum und Wirtschaftsunternehmen ein gutes Zeichen ist.


Aktienmarkt im Iran: Boom oder Blase? Bild: Trading Economics

Im Angesicht der US-Sanktionen und der schlechten wirtschaftlichen Lage sieht es so aus, als würde die Regierung den Versuch wagen, mit mehr Wettbewerb und Privatisierungen den privaten Sektor zu erfrischen, was den Run der Menschen in den Aktienmarkt erklären kann. Das Versprechen, an der Wirtschaft des Landes teilhaben zu können, hat sich für viele Menschen bewahrheitet, was für die Regierung des Iran wiederum sehr wichtig ist und ihr Finanzmittel für die Staatsausgaben bringt und einige der Haushaltsprobleme lösen könnte.Für andere Experten ist die Lage aber nicht so positiv. Farid Kamkar, ein anderer Wirtschaftsexperte, sieht im gegenwärtigen Boom eine Blase, da er aufgrund ökonomischer Analysen die Preise für zu hoch hält. “Es sieht so aus, als seien die Aktienkurse zu hoch und egal, welches Preismodel man heranzieht, die Zahlen passen nicht zusammen. In diesem Szenario ist der gegenwärtige Aktienmarkt in einer Blase.”


Privatanleger sehen gebannt auf die Kurse. Bild: RR

Dr. Kamkar sieht auch Probeme mit der Regierung. Die Anteile von Staatsunternehmen wurden verkauft und könnten für die Anleger zu bitteren Problemen führen. Diejenigen, die an der Inflation leiden, sind Menschen mit geringem Einkommen. Viele Kleinanleger sind in den Aktienmarkt eingetreten und bei großem Verlusten durch Gesetzesänderungen, könnten diese in Schwierigkeiten geraten, zumal die Inflation bei Gütern und Dienstleistungen bereits groß ist. Die starke Eintritt von Kleinanlegern zwingt seiner Meinung nach aber die Regierung zu einer “Sensibilität” gegenüber dem Aktienmarkt.


Viele Kleinanleger könnten diese Sensibilität auch benötigen. Eigentum wie dieser ist nicht gut als Investment und wird eher nicht wachsen. Wenn über die Zeit die Kleinanleger weggehen, könnten sich daraus soziale Probleme und damit auch Probleme für die Regierung erwachsen. Im Aktienmarkt des Landes werden Finanzrechte gehandelt, die Firmen jedoch sind nicht verantwortlich gegenüber den Sharholdern. Wenn Probleme auftauchen, können die Firmen nicht durch Gesetze verfolgt werden. Dennoch haben viele ihre Fonds von Kreditinstitutionen, wo es Schuldner und Schuldnerverträge gibt, zum Aktienmarkt verlagert.Die Regierung erlaubt nicht, dass Liquidität zum Währungsmarkt geht. Auf der anderen Seite bieten die Banken nur geringe Zinsen. Gleichzeitig ist der Immobilienmarkt auf einem Allzeittief, was unter anderem auf die Besteuerung zum Zeitpunkt des Verkauf zurückzuführen ist. Mit diesen Restriktionen und stagnierenden Anlagemöglichkeiten, ist es nicht weit weg von der Wahrheit, wenn man behaupten kann, dass die Regierung die Menschen im Land dazu bewegt, auf dem Aktienmarkt zu investieren.


Viele kleine Anleger bringen sich mit windigen Geschäften in Gefahr. Bild: RR

Die Investments der Menschen geschehen auf eine sehr ungewöhnliche Art. Dieser Markt ist anders als vorhergehende und die Player und großen Shareholder haben sich gewandelt. Das macht es schwierig, Vorhersagen zu treffen. Auch unter den Experten gibt es viele unterschiediche Meinungen zum Teherander Aktienmarkt.“Ich bin seit ungefähr Neujahr am Aktienmarkt investiert. In diesen drei Monaten habe ich einen guten Profit bekommen und ich hoffe, dass ich auch in Zukunft eine positive Entwicklung in meinen Anlagen sehe. Ich wurde von einem Freund überzeugt, der eine Menge an Gewinnen durch den Aktienmarkt erlangt hat. Nach einigen Überlegungen habe auch ich mich dazu entschieden. Mit Unterstützung von Familienangehörigen haben wir sogar noch mehr Gewinnen gemacht”, so Roozbe Esmaili, ein Coach aus der Stadt Täbriz im Norden des Landes. Er gehört der Mittelschicht an und glaubt nicht, dass das Risiko für einen Totalverlust der Anlagen sehr wahrscheinlich ist. Im Wort-Case-Scenario erwarten sie nur geringe Verluste. Der Aktienmarkt werde wie alle anderen Märkte mal steigen, mal fallen. Solange Geld investiert werde, um mehr Geld zu machen, werde mehr Geld verdient oder verloren.


Die Zunahme von Investoren am Aktienmarkt ist eine gute Sache, so Experten, da sie auf die Geschäftspolitik Einfluss nehmen, das Management mitbestimmen können und indirekt die Führung der Unternehmen wählen können. Mehr Kontrolle über das Management der Unternehmen im Land ist besser für die Wirtschaft. Jetzt, da die Regierung Geld für ihre Ausgaben braucht, und Unternehmen an die Börse bringt, müssen auch Stimmrechte und Einfluss auf das Management privatisiert werden, damit die Wirtschaft weniger an Korruption leidet und gesünder wird.Es gibt auch Menschen, die ihre Häuser und Autos beleihen oder verkaufen, um am Aktienmarkt investieren zu können. Bei kleinsten Veränderungen an den Kursen müssen diese jedoch ihre Anteile verkaufen, sodass dies nicht lange so weitergehen kann, da der Markt sehr instabil ist.


Mit Schulden zu investieren ist sehr gefährlich, da bei kleinsten Reformen das eingesetzte Kapital nicht nur verringert werden kann, sondern auch ihre Schulden sich vergrößern. Experten raten daher den Menschen, nicht alle Spareinlagen in den Aktienmarkt zu investieren, sondern in verschiedenen Märkte ezu diversifizieren. Nicht mehr als die Hälfte der Ersparnisse sollte in den Aktienmarkt investiert werden, der Rest sollte in Immobilien, Anteile mit stetigen Ausschüttungen, Gold und anderen sicheren Anlagen investiert werden.