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Börse Teheran: Zwischen Rücktritten, Kursstürzen und Ungewissheiten

Von Helia A., Iran

Der Aktienmarkt durchläuft eine Phase von vielen Hochs und Tiefs. Nach dem ikonischen Anstieg zwischen März und August 2020, in dem der Index der Teheraner Börse von 500.000 auf über zwei Millionen Punkte stieg, fiel der Index auf aktuell rund 1,2 Mio. Punkte – ein Verlust von 70 Prozent.

In der Zeit des starken Anstiegs nannten viele Experten die Entwicklung eine „Blase“ und erklärten, der Anstieg habe nichts mit ökonomischen Hintergründen und den iranischen Realtitäten zu tun. Der Anstieg sei von der Zentralbank und privaten Banken konstruiert. Aber alle Warnungen verhallten bei den Fans und Unerstützern des Aktienmarkts.


Die Teheraner Börse ist schwer unter Druck

Der schnelle Anstieg und der scharfe Absturz des Aktienmarkts in der zweiten Hälfte des Januar 2021 führte zu großer Armut bei vielen Menschen, die von der Regierung und Offiziellen zu Investments ermutigt wurden. Demonstranten schrien Slogans gegen die Regierung Rohani und das Wirtschaftsteam der 12. Regierung, warfen Eier auf das Gebäude der Börse und holten die Fahne ein.

In der Zwischenzeit solidarisierten sich einige Abgeordnete mit den Demonstranten. Die Abgeordneten forderten, dass die die Menschen zur Teilnahme am Aktienmarkt ermutigten, zur Rechenschaft gezogen werden sollten. Das Parlament schlug sogar eine Amtsenthebung des Wirtschaftsministers vor, was 102 Abgeordnete unterstützten. Aber nachdem die Proteste immer rmehr wurden, wurde der Chef der Iranischen Börse zum zweiten Mal innerhalb von zwei Monaten zum Rücktritt gedrängt und das nachdem er erst neun Monate im Amt war.

Der Hauptgrund für den Rücktritt des Chefs der Stock Exchange and Securities Organization Ghalibaf waren nicht eingelöste Versprechen in Bezug auf die Börse und der öffentliche Druck im Angesicht des scharfen Verfalls der Kurse. Viele Beobachter glauben jedoch, dass der Rücktritt des Börsenchefs aber auch ein Rücktritt zum Schutz des Wirtschaftsministers war, der sonst ein Amtsenthebungsverfahren erlitten hätte. Sie denken, dass der Minister im Parlament Ghalibaf für all die Probleme verantwortlich gemacht hat und Ghalibaf seine Fehler und Imkompetenz eingesehen hat und zurückgetreten ist. Derzeit versucht das Parlament, die Situtation mit einem neuen Plan zu verbessern. Tatsächlich könnten sie damit der Regierung zwei oder drei Monate Zeit verschaffen und das Amtsenthebungsverfahren vermeiden.

Daher ist die Wahl des neuen Chefs der Teheraner Börse so wichtig, da nun die Anzahl der Aktieninhaber von fünf Millionen auf rund 40 Millionen angestiegen ist, von denen sehr viele Verluste erlitten haben und ihre kleinen Vermögen durch die Entscheidungen von hohen Regierungsangehörigen verloren haben.

In der Zwischenzeit gibt es weiterhin Spekalutionen über die Hintergründe des Crashs. Ali Masoudi, ein Kapitalmarktexperte, erläutert die wichtigsten Gründe für den Kollaps der Kurse: „Die Probleme begannen damit, dass normalen Menschen die Möglichkeit zu handeln nur mit Vorzeigen einer ID-Karte gegeben wurden. Die Regierung versuchte, die Menschen für den Aktienhandel anzufixen, was in einer hohen Liquidität im Markt und einem besonders von Gefühlen geprägten Markt führte. Der Anstieg und Fall der Kurse hatte keine ökonomischen Gründe. Aber der Einfluss der Regierung endete auch dann nicht und jeder Regierungsangehörige kommentierte die Börse. Die Unternehmen, Regeln und Gesetze wurden weiterhin hinter verschlossenen Türen ausgehandelt, ohne Einfluss von Experten, und diese Gesetze wurden unverzüglich umgesetzt. Befehle ersetzten Unternehmensführung. In einer freien Wirtschaft haben Staaten und Regierungen nur wenig Einfluss auf die Märkte und sind mehr eine Kontrollinstanz, die sich aus dem Markt heraushält. Aber leider ist es im Iran anders. Alles verläuft nach den Vorschriften und Regierungsinterventionen. Meist sind diese Interventionen mehr negativ als positiv. Derzeit gibt es einen harten Konflikt zwischen Regierung und Parlament, die zwei Seiten der Athomsphäre abbilden. In harten Zeiten, wie gegenwärtig, sorgt dies für noch mehr Ärger, Unsicherheiten und Konflikten, welche eine negativen Einfluss auf die Wirtschaft haben. Die Regierung hatte einen passiven und eher Unternehmens-ähnlichen Ansatz im Management der Märkte und der Börse.

Masoudi untersuchte die politische Situation und ihre Auswirkungen auf den Kapitalmarkt und ergänzt: „Die Diskussion der nationalen und internationalen Politik und ihrer Einflüsse auf die Börse kann nicht unterschätzt werden. Im Innen spielt die kommende Präsidentschaftswahl eine entscheidende Rolle. In der Regel ist das letzte Jahr einer Präsidentschaft da Jahr, in dem die Regierung wichtige ökonomische und entwicklungspolitische Programme durchführt, um die öffentliche Meinung zu verbessern und die Wiederwahlchancen zu erhöhen. Diese Programme jedoch könnten die Inflation weiter anheizen und die Wirtschaft gefährden, da die steigende Liquidität für ernormen Geldzufluss sorgt. In der zweiten Perspektive hat die Regierung die Inflation nicht unter Kontrolle und sieht sich vor einem großen Budgetdefizit und sah daher im Aktienmarkt ihre Rettung. Außenpolitisch dachte die Regierung, bei einer Wahl Bidens zum US-Präsidenten und einer Rückkehr zum JCPOA wird es zu einer Lockerung der Sanktionen kommen und daher zu einer Erleichterung der wirtschaftlichen Lage des Iran. Auch erwartete man eine bessere Kontrolle der Wechselkurse und der Währung des Iran. Im Sommer fielen die Preise für den Dollar und die Aktienkurse fielen stiegen. Nach der Wahl Bidens steig der Dollarkurs, aber die Kurse fielen weiter und der Markt erlebte einige negative Runden.

Ich denke, dass der Abschwung, vor allem durch die Währungsschwankungen, zeitlich begrenzt ist und einige Firmen sogar einen Gewinn aus dem Rückgang der Währung erhalten.

Themen wie die US-Iranischen Beziehungen, die Annahme oder Abweisung der FATF-Regeln, Annahme des Budgetvorschlags für nächstes Jahr, das Schicksal der Börsenorganisation werden die Währung weiter stark beeinflussen und die Wechselkurse in einem Zwischenstadium halten. Aber der Dollarkurs war schon immer eine wichtige und einflussreiche Variable für den Markt.“

Hosseini Farshidi, ein Wirtschaftsexperte, stimmt diesen Punkten zu und glaubt, dass die Interventionen der Regierung die größten Einflüsse auf die Fluktuationen auf dem Aktienmarkt haben. Hosseini erläutert die Hintergründe zu den Gerüchten um den Interbanken-Zinssatz, die vermehrt kursieren. Er sagt: „Da viele Menschen Verluste erlitten haben und für die Wechselkurse keine wissenschaftlichen Grundlagen herrschen, Behörden und Beamte nicht für ihre Taten verantwortlich gemacht werden, können die Menschen den Markt und die Beziehungen nicht richtig einschätzen. Es gibt zwei Gründe dafür, dass der Interbanken-Zinssatz nicht der Grund für den Verfall des Aktienmarkts sein kann. Der Interbanken-Zinssatz ist ein Basissatz und Änderungen an ihm verursachen Änderungen im Bankensystem und damit auch Änderungen am Verhalten der Akeure in der Wirtschaft und am Aktienmarkt. Das bedeutet, ein Steigen des Interbanken-Zinssatz führt zu einem Steigen der Einlagen-Zinssätze, was effektiv auf den Wechselkurs zielt. Wegen Corona und den Auswirkungen auf die Wirtschaft zeigten sich in diesem Jahr aber keine Auswirkungen für Facilities im Bankensystem, sodass der Interbanken-Zinssatz auf unter 10 Prozent fiel und keinerlei Auswirkungen auf die Zinsen bei Einlagen zeigte. Daher kann kein Effekt des Interbanken-Zinssatz auf den Aktienmarkt behauptet werden. Auf der anderen Seite führt ein Boom, der durch den massiven Zufluss von Geld und negativen Zinssraten ausgelöst wird, nur zu Inflation für die Bürger und die Aktienmärkte. Die Outcomes des Aktienmarkts werden dann der Wirtschaft wohltun, wenn der reale Sektor wächst.“